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Nachts, wenn der Teufel kam

Autorenbild: Walter Gasperi
Walter Gasperi
vor 7 Stunden
4 Min. Lesezeit
"Nachts, wenn der Teufel kam": Robert Siodmaks in einen Krimi verpackte, fesselnde Abrechnung mit dem NS-Regime
"Nachts, wenn der Teufel kam": Robert Siodmaks in einen Krimi verpackte, fesselnde Abrechnung mit dem NS-Regime

Robert Siodmak benützt in seinem während des Zweiten Weltkriegs spielenden Krimi die Suche nach einem Serienmörder, um ein dichtes Bild des Unrechtssystems, des Zynismus und der Heuchelei des NS-Regimes zu zeichnen. Bei Film- und Fernsehjuwelen ist der 1957 entstandene Klassiker, der nichts von seiner Spannung verloren hat, auf DVD und Blu-ray erschienen.


In der ausgehenden Weimarer Republik machte sich der 1900 in Dresden geborene Robert Siodmak mit seiner Co-Regie am Klassiker "Menschen am Sonntag" (1929) einen Namen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte der jüdische Filmregisseur und Drehbuchautor zuerst nach Frankreich und 1939 weiter in die USA.


Im Hollywood der 1940er Jahre entwickelte er sich mit Filmen wie "The Spiral Staircase" ("Die Wendeltreppe", 1946), "The Killers" ("Rächer der Unterwelt", 1946) und "Criss Cross" ("Gewagtes Alibi", 1949) zum Spezialisten für Thriller und Film noir, drehte mit "The Crimson Pirate" ("Der rote Korsar", 1952) aber auch einen farbenprächtigen und souverän zwischen Spannung und Witz pendelnden, leichthändigen Piratenfilm.


Mitte der 1950er Jahre kehrte Siodmak aber aus Hollywood nach Deutschland zurück. Dort gelang ihm nach der Verfilmung von Gerhart Hauptmanns Theaterstück "Die Ratten" (1955) mit dem Krimi "Nachts wenn der Teufel kam" (1957) sein letzter großer Film.


Nach einer Artikelserie von Willi Berthold über eine Mordserie, die der geistig zurückgebliebene Bruno Lüdke angeblich in den 1930er und frühen 1940er Jahren beging, verfasste Werner Jörg Lüddecke ein Drehbuch, bei dem die Jagd auf den Mörder in erster Linie Vorwand ist, um ein dichtes Bild des NS-Regimes zu zeichnen.


Verlogenheit und Übergriffigkeit wird in dem 1944 spielenden Film schon in der ersten Szene sichtbar. Ganz offen nützt der Parteifunktionär Willi Keun (Werner Peters) nämlich die Auszeichnung einer Sportgruppe des Bundes Deutscher Mädel für ihren Erntedienst aus, um die jungen Frauen zu betatschen, und besucht anschließend seine Geliebte, die in einer Kneipe arbeitet. Bissig deckt diese Kellnerin Keuns Doppelmoral auf, wenn sie den verheirateten Nazi mit der Feier der Ehe als "Hort des Volkes" konfrontiert.


Durch genauen Blick, starke Schauspieler:innen und die Schwarzweißbilder von Kameramann Georg Krause, aber auch durch die milieuechte Sprache entwickelt schon dieser Auftakt große atmosphärische Dichte und macht mit einem Luftangriff auch schon die angespannte Lage spürbar.


Als die Kellnerin ermordet wird, wird Keun der Tat verdächtigt und verhaftet, doch das Publikum weiß schon, dass der wahre Täter der von Gelegenheitsjobs lebende, geistig behinderte, aber körperlich kräftige Bruno (Mario Adorf) ist.


Siodmak entwickelt nun parallel in zwei Erzählsträngen die Handlung. Einerseits folgt er Bruno, bietet Einblick in sein Milieu und zeichnet das Porträt eines Mannes, der in seiner Getriebenheit an Peter Lorres Mörder in "M" erinnert und mehr Opfer als Täter ist. Andererseits fokussiert er auf dem wegen einer Kriegsverletzung von der Front in seinen Dienst zurückkehrenden Kriminalkommissar Kersten (Claus Holm).


Dieser entdeckt Ähnlichkeiten zwischen dem Mord an der Kellnerin und anderen über Deutschland verteilten Frauenmorden der letzten Jahre. Rasch deckt er nicht nur die Fragwürdigkeit der Indizien auf, aufgrund derer Keun angeklagt wird, sondern kann bald auch Bruno verhaften, der sich bei einem Lokalaugenschein mit seinem Wissen als Täter erweist.


Die klassische Krimihandlung nützt Siodmak, um dicht und packend mit dem NS-Regime abzurechnen. Überflüssig ist dabei eine Liebesgeschichte zwischen Kersten und einer Assistentin (Annemarie Düringer), die dem Film einen Human Touch verleihen soll. Doch immerhin wird dieser Aspekt dezent behandelt.


Zum starken Gegenspieler des Kriminalkommissars, der mit seiner Parole "ducken und durchhalten" als Mitläufer erscheint, der mit dem Regime nicht sympathisiert, aber sich auch nicht dagegen auflehnt, wird dabei SS-Gruppenführer Rossdorf (Hannes Messemer) aufgebaut.


Dieser glaubt zunächst mit der Festnahme eines beeinträchtigten Serienmörders Werbung für die Richtigkeit der Rassenlehre und den Massenmord an Menschen mit einer Behinderung machen zu können, wird dann bei einem Besuch bei Hitler aber des Gegenteils belehrt: Untragbar ist es nämlich für den NS-Staat und dessen "Rechtssystem", dass jahrelang ein Serienmörder nicht gefasst wurde und mehrere Fehlurteile gesprochen wurden.


Plastisch arbeitet Siodmak so heraus, wie das Recht gebogen wird, wie um den Schein von Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten ein Unschuldiger hingerichtet und auch der Kommissar, der bei dieser Rechtsverdrehung schließlich doch nicht mitspielt, unter die Räder kommt.


Gegen den Willen Siodmaks wurde von der Produzentin Ilse Kubaschewski aber eine Szene aus dem Film geschnitten, die den Morden Lüdkes den Massenmord der Nazis an den Juden gegenüberstellt. Nicht Lüdke ist hier nämlich der titelgebende Teufel, sondern vielmehr die Handlanger des NS-Regimes.


Nicht übersehen sollte man aber auch, dass sich der Kenntnisstand über die Mordserie inzwischen geändert hat. Galt die Schuld Lüdkes zur Entstehungszeit des Films noch als erwiesen, so gilt er seit den 1990er Jahren als Opfer, dem von den Nationalsozialisten aus sozialrassistischen Motiven die Schuld in die Schuhe geschoben wurde. So drückte auch dessen Darsteller Mario Adorf 2020 sein Bedauern darüber aus, gerade mit seinem eindringlichen Spiel das negative Bild Lüdkes als Massenmörder entscheidend geprägt zu haben.


Die Sprachversionen der bei Film- und Fernsehjuwelen  erschienenen DVD und Blu-ray beschränken sich auf die deutsche Originalfassung. Die Extras umfassen neben dem Kinotrailer und weiteren Trailern zu bei Film- und Fernsehjuwelen erschienenen Filmen ein informatives Booklet von Roland Mörchen, Dazu kommt das 13-minütige Feature "Armer Bruno", in dem Mario Adorf, unterstützt von Filmausschnitten, über seine Rolle, die Dreharbeiten und den Film spricht. Vor allem geht er dabei auch auf die von der Produzentin geschnittene Szene ein.

 


Trailer zu "Nachts, wenn der Teufel kam"



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