• Walter Gasperi

Moonfall


Der "Master of Desaster" Roland Emmerich verbreitet wieder einmal Weltuntergangsstimmung: Dieses Mal droht der Mond auf die Erde zu stürzen. – Viel Spektakel mit durchaus beeindruckenden Bildern, aber unglaublich hanebüchene Story und gewohnt dünne Figurenzeichnung.


Nachdem in "Independence Day" (1996) Außerirdische die Welt bedrohten, dann "Godzilla" (1998) alles kurz und klein schlug, 2004 in "The Day After Tomorrow" die Klimakatastrophe die Welt an den Abgrund führte, und in "2012" die Prophezeiung des Maya-Kalenders vom Weltuntergang fast wahr wurde, lassen Roland Emmerich und sein Co-Drehbuchautor, Produzent und Co-Filmmusik-Komponist Harald Kloser nun den Mond aus seiner Umlaufbahn schlittern und sich in Spiralbahn der Erde nähern.


Während die Naturkatastrophen wie Flutwellen, Vulkanausbruch oder Einschlag von Gesteinsbrocken bald die Möglichkeit zum großen Spektakel und auch zu durchaus eindrucksvollen Bildern bieten, darf natürlich auch die menschliche Ebene nicht zu kurz kommen. Dafür setzt Emmerich nicht nur einen von der NASA – natürlich zu Unrecht – degradierten Ex-Astronauten (Patrick Wilson), der nicht einmal seine Miete bezahlen kann, ein, sondern auch einen Verschwörungstheoretiker (John Bradley-West), für dessen seltsamen Theorien über den Mond sich aber vorerst niemand interessiert, sowie die Ex-Kollegin des Astronauten (Halle Berry), die nun bei der NASA eine Führungsposition einnimmt.


Gesteigert werden soll die Emotionalität mit dysfunktionalen Familien mit einem schwierigen Teenager, der wegen Drogenkonsums und wilder Flucht vor der Polizei im Gefängnis sitzt, und einem kleinen Jungen. Über den Ehemann der NASA-Mitarbeiterin wird schließlich auch noch das Militär ins Spiel gebracht. Außer Frage steht dabei, dass Letzteres mit Waffengewalt das endgültige Ende der Erde herbeiführen würde, während die Astronautin und ihr Kollege Weitblick beweisen und das Problem direkt vor Ort – also auf dem Mond – lösen wollen.


Dazu muss allerdings ein Space-Shuttle aus dem Museum reaktiviert werden, mit dem die beiden Astronaut*innen alsbald mit dem schrägen Verschwörungstheoretiker ohne jede Vorbereitung und Training himmelwärts starten, während bildmächtig eine gewaltige Flutwelle anrollt.


Wie gewohnt arbeitet Emmerich mit mehreren Parallelhandlungen, wechselt von der Weltraummission immer wieder zum Schicksal der Kinder oder den Vorbereitungen des Militärs. Wie im All dabei ständig neue Gefahren drohen, so freilich auch auf der Erde mit sich verschärfenden Naturkatastrophen und aggressiven Plünderern.


Massives Product-Placement darf am Beginn nicht fehlen, später treten spektakuläre Ideen über den Mond ins Zentrum, mit denen sich die Wissenschaft dringend beschäftigen sollte. Immerhin erfährt man endlich, wieso bei der ersten Mondlandung 1969 für zwei Minuten die Verbindung abbrach, und auch die Gefahren von Künstlicher Intelligenz werden erschreckend plastisch vor Augen geführt.


Wo "The Day After Tomorrow" noch Realitätsbezug besaß und mit seiner Massenwirkung vielleicht auch ein breites Publikum für die Gefahren des Klimawandels sensibilisierte, da dominiert hier geradezu aberwitziger Humbug. Das alles öffnet zwar viele Möglichkeiten, um dem Publikum spektakuläre Bilder zu bieten, ernst nehmen kann man "Moonfall" aber keine Sekunde.


Nicht nur dies verhindert freilich das Aufkommen echter Spannung, sondern auch die flache Figurenzeichnung. Auf Klischees reduziert sind die Protagonist*innen, geachtet wurde freilich auf Diversität, wenn dem weißen Helden eine Afroamerikanerin zur Seite steht. Auch eine junge Asiatin darf nicht fehlen, da das chinesische Medienunternehmen Huayi Brothers an der Produktion beteiligt und "Moonfall" auch ein chinesisches Publikum erreichen will.


Nicht nur bei zwei Opfertoden kommt Pathos auf, sondern auch sonst feiern Emmerich / Kloser leidenschaftlich ihre Helden, die in dieser Hightech-Welt auch mal zu Schublehre und Sextant greifen, um im Weltall den exakten Kurs zu halten. Dem selbstständig denkenden und vernünftig handelnden Individuum steht wie gewohnt eine engstirnige Maschinerie gegenüber, doch auch bei dieser findet sich schließlich ein Mann, der ausschert und das Wohl seiner Liebsten über alles stellt.


Gereizt hat Emmerich am Flug zum Mond wohl auch, dass er damit ein neues Terrain betreten konnte. So zitiert er dann auch unübersehbar Kubricks "2001". Auch an die Sandwürmer von "Dune" oder Ridley Scotts "Alien" lassen bestimmte Szenen denken und wohl gezielt der Schlussszene aus Franklin J. Schaffners erstem "Der Planet der Affen" erweist der Spielberg von Sindelfingen seine Reverenz, wenn er statt des Empire State Building das Chrysler Building ins Spiel bringt. – Für die Augen wird so einiges geboten, aber das Gehirn sollte man bei diesem Blockbuster für zwei Stunden ausschalten.



Moonfall USA / Kanada / China 2022 Regie: Roland Emmerich mit: Halle Berry, Patrick Wilson, John Bradley, Donald Sutherland, Michael Peña Länge: 120 min.


Läuft in den deutschen, österreichischen und Schweizer Kinos


Trailer zu "Moonfall"