• Walter Gasperi

Monos

Aktualisiert: 30. Okt 2019


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Auf den Spuren von „Apocalypse Now“ und William Goldings „Herr der Fliegen“ bewegt sich der in Brasilien geborene und in Kolumbien und Ecuador aufgewachsene Alejandro Landes, der in seinem dritten Spielfilm mit starken Bildern und intensivem Sounddesign dem Animalischen im Menschen nachspürt und den Irrsinn eines Krieges erfahrbar macht.


Auf einem Hochplateau, das durch ein Wolkenmeer von jeder Umwelt abgeschnitten scheint, spielen acht Jugendliche mit verbundenen Augen Fußball. Konzentration ist verlangt, da weder Ball noch Mitspieler sichtbar sind, auf jedes Geräusch muss geachtet werden. Die ständig sich in Bewegung befindende und nah geführte Kamera vermittelt die Anspannung der Spieler hautnah.


Auf dieser kahlen, baumlosen Ebene erinnern einzig die Ruine eines Turmes oder einer Festung und eine Mauer an eine einstige Zivilisation, davon abgesehen gibt es nur die braune matschige Ebene. Eine Abfolge von Großaufnahmen der rennenden Jugendlichen deutet hartes Training an, ein Tanz um ein Feuer oder gegenseitiges Abklopfen erzeugen nicht nur ein Gefühl von großer Körperlichkeit, sondern auch von archaischem Leben.


Die geographische und zeitliche Datierung beschränkt sich auf „Lateinamerika, Gegenwart“, fern jeden gesellschaftlichen Umfelds spielt Alejandro Landes´ dritter Spielfilm, will parabelhaften Charakter haben, kann aber auch als Anspielung auf den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Kolumbien gelesen werden.


Ein kleinwüchsiger Bote, der Befehle von der Zentrale übermittelt, lässt die Jugendlichen, die nur Kampfnamen wie Wolf, Hund, Schlumpf, Bum Bum, Lady und Rambo tragen, in Reih und Glied antreten und exerzieren. Eine klare und strenge Hierarchien herrscht hier, der Kleine befiehlt den Großen. Nicht nur eine ausländische (amerikanische?) Geisel, die nur Doctora genannt wird, müssen die Jugendlichen bewachen, sondern auch eine Milchkuh, der kein Haar gekrümmt werden darf.


Dann verschwindet dieser Bote wieder und die Jugendlichen sind sich überlassen. Zum Geburtstag wird ein Junge mit einem Gürtel ausgepeitscht, für die Vermählung von Wolf und Lady wird in einer Höhle ein Bett hergerichtet, doch dann erschießt Hund, der sich offensichtlich über die Wirkung seiner Waffe nicht im Klaren ist, versehentlich die Kuh. Wolf übernimmt als Anführer der Gruppe die Verantwortung und begeht Selbstmord, Hund wird in einer Grube eingesperrt.


Über Funk wird ein Angriff angekündigt, bald sieht man in der Nacht Bomben einschlagen. Als der Sieg gemeldet wird, verlassen die Jugendlichen den Stützpunkt und an die Stelle des Hochplateaus tritt nun der dichte Dschungel als Schauplatz, wo sich die Gruppe immer mehr auflöst und die Jugendlichen sich gegenseitig bekämpfen.


Vieles bleibt offen in diesem wilden Fiebertraum von einem Film. Nichts erfährt man über die Herkunft der Jugendlichen oder über ihre Vorgesetzten, nie bekommt man die Gegner zu Gesicht und auch, was mit der Geisel, die sie bewachen müssen, passieren soll, bleibt unklar.


Weniger eine konkrete Geschichte will Landes erzählen als vielmehr den Wahnsinn jedes Krieges mit einem intensiven Bilderrausch und starkem Sounddesign erfahrbar machen. Großartiges leisten hier Kameramann Jasper Wolfs, der zwischen spektakulären Landschaftstotalen und Großaufnahmen und damit zwischen Natur und Mensch pendelt, und Mica Levis mit seinem immer wieder beunruhigenden intensiven Sounddesign.


Der Titel „Monos“, der sich auf den Namen der Gruppe bezieht, kann dabei mit der Übersetzung „Affen“ auch schon auf das Animalische im Menschen verweisen. Wie William Golding in „Herr der Fliegen“ erzählt auch Landes von der dünnen Schicht der Zivilisation, die in dieser Wildnis und fern jeder gesellschaftlicher Regeln rasch abblättert.


Gibt es zunächst noch eine klare Hierarchie und eine Gruppe, so lösen sich diese Strukturen zunehmend auf. Die Gruppe zerfällt, jeder kämpft nur noch um sein Überleben. Wenn dabei an die Stelle des weiten Hochplateaus der dichte Dschungel tritt, taucht der Film wie Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ in der Nachfolge von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ auch immer mehr in die Abgründe der menschlichen Psyche ein.

Intensive Dschungelbilder wechseln dabei zunehmend mit unscharfen schwarzweißen Bildern von Nachtsichtkameras, die zusätzlich für Verunsicherung sorgen. Wenn es je Klarheiten in diesem Film gab, lösen sich diese nun endgültig auf, Chaos tritt an die Stelle der anfänglich klaren Ordnung. Eindrücklich vermittelt Landes über die Erzählweise sowie Bild- und Tonsprache in diesem wilden, keinen Konventionen und Regeln gehorchenden Film diese zunehmende Desorientierung und Verlorenheit der Jugendlichen, die entweder, aufs Kämpfen abgerichtet, in Blutrausch verfallen und Unbeteiligte abschlachten oder nur noch auf Rettung von außen hoffen können. – Was diese freilich bringen wird, lässt „Monos“ offen.


Ab 7. November in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Monos"