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À voix basse – Mit leiser Stimme

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit
"À voix basse - Mit leiser Stimme": Feinfühliges tunesisches Drama um Familiengeheimnisse und gesellschaftliche Repression
"À voix basse - Mit leiser Stimme": Feinfühliges tunesisches Drama um Familiengeheimnisse und gesellschaftliche Repression

Als eine in Frankreich lebende junge Tunesierin zum Begräbnis ihres Onkels in ihre Heimat zurückkehrt, werden nicht nur langsam Familiengeheimnisse gelüftet, sondern auch gesellschaftliche Repression sichtbar: Ein von einem starken Ensemble getragenes feinfühliges Drama, das sanft, aber entschieden für Toleranz und Offenheit plädiert.


Mit dem Landeanflug auf Tunis versetzt Leyla Bouzid die Zuschauer:innen in die Perspektive der 32-jährigen Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa). Mit ihren Augen blickt man bei der Fahrt vom Flughafen in das rund 100 Kilometer südlich von Tunis gelegene Sousse auf das Land.

Nach langer Abwesenheit kehrt die junge Frau anlässlich des Begräbnisses ihres Onkels in ihre Heimat zurück. Begleitet wird sie von ihrer Partnerin Alice (Marion Barbeau), doch diese bringt sie in einem Hotel unter, denn sie wagt es nicht ihrer Familie zu gestehen, dass sie lesbisch ist.


Mit Lilias Blick taucht man auch in ihre Familie ein, in der die dominante Großmutter (Salma Baccar) den Ton angibt, während Lilias Mutter (Hiam Abbass) und eine Tante (Feriel Chamari) nichts zu sagen haben. Auch ihren Sohn bringt die Großmutter nur dann ins Spiel, wenn es darum geht, dass er als bekannter Geschäftsmann mit seinen Beziehungen die Ermittlungen der Polizei beeinflussen oder stoppen soll. Fließend brechen auch immer wieder Erinnerungen Lilias an ihre Kindheit herein, wenn ihr die bewegliche Kamera von Sébastien Goepfert durch das alte Stadthaus folgt.


Doch beim Begräbnis ihres Onkels kommt es zu irritierenden Szenen. Verärgert reagiert so die Großmutter auf einen älteren Herrn, der sich vom Toten verabschieden will, und auch zwei Polizisten stellen sich mehrmals ein, denn unklar sind die Umstände des Todes, wurde der Onkel doch nackt aufgefunden.


Zunehmend weitet sich dabei nicht nur das Bild des Verstorbenen, sondern auch das einer repressiven Gesellschaft. Denn wie in der Familie die Homosexualität des Onkels verdrängt und verschwiegen wurde, so geht die Polizei aufgrund alter Gesetze mit Härte gegen Homosexuelle vor. Nur Lilia verschonen sie, auch als sie offen ihre lesbische Beziehung gesteht, denn weibliche Homosexualität nehme man nicht ernst.


Vorübergehend entwickelt sich dieses sanfte Drama mit Lilias eigenen Recherchen zur Geschichte des Onkels auch zu einem Krimi, gleichzeitig deckt Bouzid aber auch sukzessive vielschichtiger auf, wie das repressive Klima in Familie und Gesellschaft das Lebensglück des Onkels zerstörte. Spiegelbildlich ergänzen sich so die Geschichten des Onkels und Lilias, denn auch ihre Beziehung zu Alice droht durch ihre Angst, offen dazu zu stehen zu zerbrechen.


Zwar sind weder die Rückkehr in die Familie anlässlich eines besonderen Ereignisses noch das langsame Aufdecken eines Familiengeheimnisses noch die Verheimlichung einer homosexuellen Orientierung an sich neue Filmthemen, doch die Einbettung in den tunesischen Kontext sowie Bouzids feinfühlige und runde Inszenierung sorgen dafür, dass ihr dritter Spielfilm dennoch überzeugt und bewegt.


Man spürt im genauen Blick auf die Familie und dem fließenden Wechsel zwischen Französisch und Arabisch in den Dialogen, dass die Regisseurin, die "À voix basse" nicht nur ihrer Mutter gewidmet hat, sondern auch im Haus ihrer Großmutter in Sousse gedreht hat, das Milieu und die Familienverhältnisse genau kennt.


Vielschichtig zeichnet sie die Figuren, die von einem starken Ensemble verkörpert werden. Da überzeugt Eya Bouteraa als zwischen Partnerin und Liebe zur Familie zerrissene Lilia ebenso wie Hiam Abbass als ihre Mutter, die schweigt, aber doch schon über die sexuelle Orientierung ihrer Tochter Bescheid zu wissen scheint. Eindrücklich lässt aber auch Salma Baccar die Dominanz der Großmutter spüren, der sich alle Kinder unterordnen. Spannend ist dabei auch, wie der matriarchalen Macht innerhalb der Familie die patriarchale Vorherrschaft in der Öffentlichkeit gegenübersteht.


Aber auch die visuelle Gestaltung trägt zum starken Gesamteindruck bei. Mit von Beigetönen dominierten und lichtdurchfluteten Bildern evozieren Bouzid und ihr Kameramann eine warme Stimmung. Prägnant, aber unaufdringlich spielen sie mit Innen und Außen, mit Helligkeit und Dunkel sowie dem Gegensatz zwischen altem Stadthaus und unpersönlichem modernen Hotel und finden im Blick auf ein zunächst geschlossenes und verwachsenes und schließlich offenes Fenster auch ein einprägsames Bild für die Verdrängung und Verheimlichung, die durchbrochen werden müssen, um das Lebensglück zu ermöglichen.



À voix basse – Mit leiser Stimme

Frankreich 2026

Regie: Leyla Bouzid 

mit: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari, Salma Baccar, Lassaad Jamoussi

Länge: 113 min.



Läuft derzeit in den deutschen und Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab 4.9. in den österreichischen Kinos.



Trailer zu "À voix basse - Mit leiser Stimme"



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