• Walter Gasperi

Mehr als James Bond: Der Agentenfilm


The Spy Who Came In from the Cold (Martin Ritt, 1965)

Sie recherchieren unter falscher Identität, müssen stets Entdeckung befürchten und wollen die (westliche) Welt retten. Unsichtbar müssen sie im Grunde bleiben, doch der Agentenfilm bannt sie auf die Leinwand. Das St. Galler Kinok lädt mit seinem heurigen Open-Air zu einem Streifzug durch dieses Subgenre des Thrillers ein, das auch idealen Nährboden für Parodien bot und bietet.


Graue Mäuse, stille Bürokraten, die ja nicht auffallen wollen und sollen, sind Agenten im Grunde wohl. Möglichst unbeachtet wollen sie sich Informationen beschaffen und an ihre Regierung weiterleiten, müssen stets prüfen, wem sie vertrauen können und wem sie misstrauen müssen.


Der britische Autor John le Carré, der zwischen 1958 und 1964 selbst für den Geheimdienst ihrer Majestät arbeitete, hat in Romanen wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Dame, König, As, Spion“ ein denkbar unglamouröses und schmutziges Bild der Welt der Agenten gezeichnet: Die Geheimniskrämerei zerfrisst hier auch das Privatleben der Protagonisten, die stets Taxieren und Sondieren, sich vor Intrigen und Ränkespielen in Acht nehmen müssen und ihrerseits selbst solche planen. Statt Luxusleben umgibt sie Einsamkeit.


Diese realistischen Blicke auf die „fünfte Kolonne“ wurden zwar auch immer wieder verfilmt, doch mehr als le Carrés Bücher hat wohl Ian Flemings Superagent James Bond dieses Subgenre geprägt. Der Geheimagent ihrer Majestät, der von Waffenmeister Q mit Spezialwaffen ausgestattet wird, schnittige Sportwagen fährt, sich gerne in der High-Society aufhält und den die Jagd auf einen Supergangster, der die Weltherrschaft ergreifen will, zu den attraktivsten und fotogensten Orte dieser Erde führt, bietet mehr fürs große Publikum.


Ganz im Gegensatz zu den realen Agenten ist Bond der Mann, in dem sich Wunschträume des männlichen und weiblichen Publikums erfüllen: Attraktiv, gewitzt, schlagkräftig und mutig wollen auf der einen Seite die Männer wohl gerne sein, Frauen wieder wünschen sich vielleicht vielfach solche Männer, wie sich auch am Erfolg Bonds zeigt, der in jedem Film im Handumdrehen eine hinreißende Frau von Ursula Andress („Dr. No“) bis Olga Kurylenko („Quantum of Solace“) erobert.


Die Geschichte dieses Subgenres, das immer dann besonders blüht, wenn nationale Feindbilder besonders ausgeprägt sind, ist freilich älter. Schon während des Ersten Weltkriegs entstanden in Deutschland Spionagefilme wie „Der Spion“ (Schmidt-Hässler, 1914), schon 1921 wurde das Schicksal der Spionin „Mata Hari“ (Regie: Ludwig Wolff) mit Asta Nielsen erstmals verfilmt.


Unsterblich machte diese niederländische Tänzerin, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland spionierte, 1917 aber wegen Doppelspionage hingerichtet wurde, 1931 Greta Garbo („Mata Hari“, Regie: George Fitzmaurice). Das Spiel um Täuschungen und große tragische Liebe bot alles, was das Publikum sehen wollte.


Ideales Terrain war der Spionagefilm für Alfred Hitchcock, durch dessen Werk sich die Auseinandersetzung mit falschen und unsicheren Identitäten zieht. Die Feinde waren dabei in den 1930er und frühen 1940er Jahren immer wieder die Nazis. Das zeigt sich nicht nur bei Hitchcock von „The 39 Steps“ (1935) über „Foreign Correspondent“ („Mord“, 1940) bis hin zu "Notorious“ (1946), sondern beispielsweise auch in Fritz Langs Spionagefilm „Ministry of Fear“ (1944), in dem ein Ring von Nazispionen in England düstere Pläne schmiedet.


In dieser Zeit entdeckte Hitchcock aber auch schon das komödiantische Potential dieses Spiels mit Täuschungen und verdeckten Ermittlungen und präsentierte in „A Lady Vanishes“ (1937) ausgerechnet eine scheinbar harmlose alte Frau als Agentin. Diesen Mix aus Witz und Spannung führte der Master of Suspense gut 30 Jahre später in „North by Northwest“ (1959) zur Vollendung, denn der Spionagering ist hier nur ein klassischer MacGuffin, ein Mittel um die Handlung in Bewegung zu setzen und für spannende Abenteuer zu sorgen. Völlig nebensächlich ist dagegen am Ende, was die Verbrecher tatsächlich beabsichtigen.


Wie kein anderes Genre bot sich der Agentenfilm folglich auch immer wieder für Parodien an. Lustvoll parodiert so Pierce Brosnan in John Boormans John le-Carré-Verfilmung „The Tailor of Panama“ (2001) sein eigenes James-Bond-Image, wenn er als britischer Agent wegen seiner ständigen Affären nach Panama versetzt wird. Mit bissigem Witz wird aber auch das Geflecht der Lügen, das in dieser Welt herrscht, und das Profitstreben der Protagonisten, die nur an den eigenen Vorteil denken und sich nicht um Ideologien scheren, aufgedeckt.


Lustvoll mit den Mustern des Agentenfilms spielt auch Yves Robert in der Komödie „Le grand blonde avec une chaussure noire“ (1972), in dem ein Geheimdienstchef einen harmlosen Geiger als gefährlichen Agenten auswählt, um seine Gegner von sich selbst abzulenken. Bald sieht sich so der von Pierre Richard gespielte Protagonist mit Anschlägen konfrontiert.

Umgekehrt kann sich freilich auch viel Witz entwickeln, wenn in „Spy Susan Cooper Undercover“ (Paul Feig, 2015) eine Beamtin, die bislang nur im Innendienst tätig war, mangels Alternativen plötzlich den Auftrag erhält nach einer Atombombe zu suchen, die sich in den Händen gefährlicher Waffenhändler befindet.


Die Feindbilder haben sich dabei freilich im Laufe der Jahrzehnte verschoben. Sah man das Böse in den 1930er und 1940er Jahren vor allem in den Nazis, so waren die Schurken in der Zeit des Kalten Kriegs die Russen, die nach dem Ende des Ostblocks von internationalen Terroristen abgelöst wurden. Aber auch schon gegen Ende des Kalten Kriegs lösten sich diese Feindbilder auf, wenn sich in Roger Donaldsons „No Way Out“ (1987) der amerikanische Sympathieträger schließlich als russischer Spion entpuppt, und es in Filmen wie John McTiernans „The Hunt for Red October" (1989) und Fred Schepisis „The Russia House“ (1990) auch den Rollentypus des guten Russen gibt.


Wie in den Parodien sind aber auch in den ernsten Agentenfilmen die Handlung und der politische Hintergrund nur Vorwand, um Spannung und Action effektvoll in Szene zu setzen. Das zeigt sich in der spektakulären „Mission Impossible“-Serie (1996 - 2018) ebenso wie in David Leitchs „Atomic Blonde“ (2017), der vor allem Charlize Theron eine Plattform für eine knallharte Performance und brutale Kämpfe bietet.


Dennoch kann auch im Agentenfilm auf gesellschaftspolitische Missstände aufmerksam gemacht werden, wie Fernando Meirelles John le Carré-Verfilmung „The Constant Gardener“ (2005) beweist. Aufrüttelt prangert der Brasilianer die Verfehlungen der Globalisierung und die Machenschaften der Pharma-Industrie an. – Packende Unterhaltung kommt aber auch hier nicht zu kurz.