• Walter Gasperi

Marriage Story


Ein Paar will sich einvernehmlich trennen, befreundet will man bleiben, keine Anwälte sollen beigezogen werden, doch dann kommt es doch ganz anders. – Eine klassische Scheidungsgeschichte erzählt Noah Baumbach, vermittelt mit großartigen Schauspielern, brillanten Dialogen und perfektem Gespür für die Balance zwischen bitterem Ernst und Komik intensiv den Schmerz und die Wut, die so eine Trennung zurücklässt, aber auch die immer noch vorhandenen zärtlichen Gefühle füreinander.


Der Titel der auf analogem 35mm Film gedrehten Tragikomödie führt im Grund in die Irre, denn die Ehe ist schon zu Ende, wenn „Marriage Story“ beginnt. Brillant werden die Ehepartner gerafft charakterisiert, wenn jeweils der andere, von Bildern begleitet, erzählt, was er an seinem Partner schätzt. In wenigen Minuten hat man so ein Bild von den Protagonisten, ist mit ihnen vertraut, hat ihre Stärken und Schwächen kennengelernt.


Klar wird rasch, dass der New Yorker Off-Broadway Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) und die Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson) dies für ihren Mediator aufgeschrieben haben. Weil sie aber ihre Aufzeichnungen nicht vorlesen will, wird die Mediation abgebrochen. Bei der Dernière von Charlies letztem Theaterstück werden sie die Party vorzeitig verlassen. Wenn sie schweigend getrennt in der U-Bahn stehen bzw. sitzen, wird ihre Distanz spürbar.


Sie will und wird mit dem achtjährigen Sohn Henry zurück in ihre Heimatstadt Los Angeles ziehen, wo Schwester und Mutter leben, und dort fürs Fernsehen arbeiten. Er will in New York bleiben, hat er doch hier seine Theatertruppe. Bestens versteht Charlie sich zwar mit der Nicoles Mutter, doch weil es bald um das Sorgerecht für Henry geht, schaltet sie eine Anwältin (Laura Dern) ein.


Grandios ist die Szene, in der Scarlett Johansson in einer endlos langen Einstellung dieser Anwältin die Geschichte ihrer Ehe erzählt. Meisterhaft wechselt Baumbach immer wieder zwischen solchen langen Einstellungen und schnell geschnittenen Szenen, in denen man zunächst ganz sachlich die Dinge besprechen will, dann aber die Situation zunehmend eskaliert und man sich gegenseitig beschimpft, sich dann aber doch wieder tröstet. – Furioses Schauspielerkino wird hier geboten, das immer wieder zu Szenenapplaus reizt.


Nichts wirkt hier gekünstelt, wie in Bergmans „Szenen einer Ehe“, den Baumbach ebenso wie Robert Bentons „Kramer gegen Kramer“ als Vorbild nennt, spürt man hier hautnah und intensiv die zwischen Wut und Zärtlichkeit, zwischen Ablehnung und immer noch vorhandener Intimität und Nähe wechselnden Gefühle.


Die Einschaltung der Anwältin von Nicoles Seite lässt auch Charlie einen Anwalt zu Rate ziehen. Sichtbar wird da nicht nur, wie hier mächtig kassiert wird, sondern wie schließlich auch ihre Ehe vor Gericht gezerrt wird, die Anwälte die Fehler des jeweils anderen Ehepartners ausschlachten. Weil man sich dennoch nicht einigen kann, schaltet der Richter schließlich sogar eine Therapeutin ein, die prüfen soll, wie gut sich Nicole bzw. Charlie um ihren Sohn jeweils kümmern.


So ernst das Thema auch ist, so dramatisch die Konfrontationen sind, die Bitterkeit federt Baumbach doch immer wieder souverän durch Komik ab. Nie wird diese Scheidungsgeschichte kitschig oder melodramatisch, bleibt auch durch den reduzierten, aber punktgenauen Musikeinsatz, der immer wieder und nur versöhnliche Momente begleitet, nüchtern und ehrlich, natürlich und echt.


Hauptverdienst ist das freilich auch der bis in die Nebenrollen hinein brillanten Darstellern. Nicht nur Adam Driver und Scarlett Johansson leisten hier Herausragendes, sondern punktgenau besetzt sind auch die von Laura Dern, Ray Liotta und Alan Alda unterschiedlich angelegten Anwälte. Während Alda sich menschlich und einfühlsam zeigt, kennen die anderen beiden kein Pardon und kein Einfühlungsvermögen, gehen rücksichtslos vor, um den Sieg davonzutragen.


Berührend schließt Baumbach am Ende auch den Kreis zum Anfang, wenn Charlie bei seinem Sohn die am Beginn nicht vorgelesenen Aufzeichnungen Nicoles findet und sie sie nun gemeinsam lesen, ehe er in einer großartigen Schlussszene in einer New Yorker Bar „Being Alive“ singt und spürbar wird, wie ihn diese Scheidung verändert hat und ihn altern ließ.


Läuft ab Freitag (22.11.) im Kino Scala in St. Gallen; Leinwandwandlouge in der Remise Bludenz am 4. März 2020 (jeweils engl. O.m.U.)


Trailer zu "Marriage Story"