• Walter Gasperi

Maison de retraite


Ein junger Straftäter muss Sozialdienst in einem Altersheim leisten. An die Stelle der gegenseitigen Ablehnung tritt dabei bald gegenseitiges Mitgefühl und Unterstützung: Kein großer Film, aber ein flottes und sympathisches Feelgood-Movie, das von einem lustvoll aufspielenden Ensemble getragen wird.


Der im Waisenhaus aufgewachsene Millan (Kev Adams) hat immer wieder mal kleinere Probleme mit dem Gesetz. Eben erst hat sein Bruder, der Anwalt ist, eine Gefängnisstrafe verhindert, da knallt er als Kassier in einem Supermarkt schon wieder mit einer alten Kundin zusammen und wird von der Polizei abgeführt. Dass die gar nicht nette Dame ihn provoziert hat, interessiert dabei niemand.


Eingeführt wird mit dieser Szene Millans Ablehnung gegenüber älteren Menschen und der Generationenkonflikt, der Thomas Gilou als Movens dient. So ist nach diesem Auftakt auch klar, dass Millan keine große Lust hat, 300 Stunden Sozialdienst in einem Altersheim zu leisten. Da er aber nur so eine Haftstrafe vermeiden kann, muss er wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Nicht genug damit sind aber auch noch Kriminelle, denen er Geld schuldet, hinter ihm her.


Missmutig tritt er so den Job im Altersheim an, in dem ihn sogleich irritiert, dass dies wie ein Gefängnis gesichert ist. Auch die Einführung in seine Arbeit mit Vorstellung der unterschiedlichen Senioren von dem an Alzheimer leidenden Alfred (Daniel Prèvost) bis zum mürrischen Ex-Boxchampion Lino (Gerard Depardieu) verbessert seine Stimmung nicht. Überwinden muss er sich beim Wechseln der verschissenen Bettwäsche und auch wie er Lino zur Hand gehen soll, gefällt ihm gar nicht.


Andererseits machen auch die Senior*innen kein Hehl aus ihrer Ablehnung gegenüber dem jungen Mann. Doch wie sie Mitgefühl entwickeln, als sie von seiner bitteren Jugend im Waisenhaus erfahren, so entwickelt er Sympathien für die Senior*innen, als er erkennt, wie sie von der Heimleitung eingeschränkt und ausgebeutet werden.


Weder werden nämlich Fleurettes (Firmine Richard) Wünsche nach Verbesserung des Speiseplans beachtet noch wird ihnen jemals ein Ausgang erlaubt – angeblich aus Sicherheitsgründen. Weil weder Lino zu einem Boxkampf noch Edmond (Jean-Luc Bideau) ins Theater darf, bringt Millain eben quasi das Theater ins Heim, indem er Passagen aus Molières "Der eingebildete Kranke" einstudiert und vorspielt. Im Gegenzug dafür nimmt Lino Millan seine Ängste und erteilt ihm Boxunterricht, damit er sich in Zukunft gegen Angreifer zur Wehr setzen kann.


Eine verschworene Gemeinschaft entwickelt sich so und klar ist für Millan, dass er diesen Senior*innen helfen muss, als sich der Verdacht erhärtet, dass der Direktor mit seinem Sicherheitsteam mit betrügerischen Methoden die Heiminsassen ausbeutet.


Nicht gerade neu ist das Thema vom Clash der Generationen, die vom Gegeneinander zu einem unterstützenden Miteinander finden, dennoch gelingt es Thomas Gilou dem Stoff einigen Witz und Charme abzugewinnen. Das liegt einerseits an der flotten Erzählweise, andererseits aber vor allem an dem lustvoll aufspielenden Ensemble. Sorgt zunächst der Kontrast zwischen dem jungen und mit dem Leben überforderten Millan und den Senior*innen für Witz, so kommt mit tieferen Einblicken in die unterschiedlichen Figuren zunehmend Mitgefühl dazu.


Differenzierte Charaktere werden dabei kaum entwickelt, aber die markant gezeichneten unterschiedlichen Typen, die teils auch kurzen Einblick in ihr Lebensschicksal bieten, schließt man rasch ebenso ins Herz wie den im Grunde gutmütigen Millan. Ein Vergnügen ist es einfach Gérard Deaprdieu als bärbeißigem, aber im Kern doch herzensgutem Boxer, Jean Luc-Bideau als Theaterfan oder Daniel Prevost als Alfred, der nachts immer wieder Mylène Demongeot in seinem Zimmer und Bett empfängt, zuzusehen.


Weltbewegend ist "Maison de retraite – Altersheim", den der Regisseur seinem Vater gewidmet hat, sicher nicht und auch das Plädoyer für ein Miteinander der Generationen, die gegenseitig voneinander lernen können, ist weder überraschend noch neu. Sympathisch ist dieses warmherzige Feelgood-Movie, das gegen Ende auch mit den Mitteln des Actionfilms spielt und schließlich märchenhaft die Utopie vom belebenden Zusammenleben der Generationen in einem "Familienhaus" beschwört, aber dennoch. Und als kleiner Clou ist Tennisstar Stan Wawrinka, der als Koproduzent fungierte, für Kenner am Ende auch in einem kleinen Auftritt zu sehen.

Maison de retraite Frankreich 2022 Regie: Thomas Gilou mit: Kev Adams, Gérard Depardieu, Daniel Prévost, Mylène Demongeot, Jean-Luc Bideau Länge: 97 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Maison de retraite - Altesheim"