• Walter Gasperi

Madres paralelas - Parallele Mütter


Pedro Almodóvar entwickelt um zwei gegensätzliche Mütter ein Drama um Mutterschaft, Identitäten und Familienkonzepte und stellt dabei auch die Gegenwart der düsteren Zeit des Spanischen Bürgerkriegs gegenüber: Souverän und leichthändig inszeniert, visuell brillant und von Pénelope Cruz und Newcomerin Milena Smit großartig gespielt.


Am Beginn steht ein Foto-Shooting, doch traditionelle Geschlechterrollen stellt Pedro Almodóvar auf den Kopf, wenn hinter der Kamera die 47-jährige Janis (Pénelope Cruz) steht und quasi ihr Model der forensische Anthropologe Arturo (Israel Elejalde) ist. Als selbstbewusste und selbstbestimmte Frau wird diese Fotografin vorgestellt und bald bittet sie auch Arturo, ihr bei der Aushebung eines Grabes zu helfen, in dem zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs vermutlich ihr Urgroßvater nach der Ermordung durch Falangisten verscharrt wurde.


Der liberalen Gegenwart wird damit eine brutale und von Männern dominierte Vergangenheit gegenübergestellt, gleichzeitig treten im Laufe des Films an die Stelle der traditionellen Familie neue Familienkonzepte. Der historische Hintergrund – wohl noch nie widmete sich Almodóvar so konkret einem historischen Ereignis – tritt aber bald völlig in den Hintergrund und wird erst am Ende wieder aufgegriffen. Eine Klammer bildet diese Ebene gewissermaßen, mit der nicht nur das Vergangene mit der Gegenwart, sondern auch das Politische mit dem Privaten verschränkt wird.


Mit Ellipsen treibt der 72-jährige Spanier die dynamisch Handlung voran. Affäre und Sex mit Arturo werden nur kurz abgehakt, um dann auf der überraschend schwangeren Janis zu fokussieren. Bei der Geburt ihres Kindes lernt sie im Krankenhaus die 17-jährige Ana (Milena Smit) kennen, die im Gegensatz zu Janis ihr Kind ablehnt und erst nach der Geburt Zuneigung entwickelt.


Nicht nur Alter und unterschiedliche Einstellung zur Schwangerschaft unterscheidet diese Frauen, sondern auch ihre eigenen Erfahrungen mit ihren Müttern. Während die Mutter von Janis, die ihre Tochter nach Janis Joplin benannte, schon als 27-Jährige an einer Überdosis starb und ihr fünfjähriges Kind zurückließ, hat sich die Mutter von Ana immer mehr für die Schauspielerei als für ihre Tochter interessiert.


Die gemeinsame Mutterschaft lässt rasch eine Freundschaft zwischen Janis und Ana entstehen, doch dann bricht der Kontakt ab, bis sie sich wieder begegnen und sich zu Janis Joplins "Summertime" eine intensive Beziehung entwickelt. Gleichzeitig gewinnt nun aber auch Anas Mutter Teresa an Gewicht, die gesteht, dass ihr immer der Beruf wichtiger war als ihre Tochter.


Die Konstruktion des Films mit Parallelen und Gegensätzen ist unübersehbar, doch Almodóvar spielt so souverän damit, dass diese Künstlichkeit nie stört. Leichthändig und bewegend kann er mit dieser Anlage Fragen der Mutterschaft, der Mutter-Kind-Beziehung verhandeln und mit der intensiven Beziehung zwischen Janis und Ana auch ein neues Familienkonzept präsentieren. Dieser Offenheit des heutigen Lebens in Madrid steht mit der Reise aufs Land und in die Vergangenheit am Ende wiederum die Erinnerung an die traditionelle Großfamilie mit vielen Verwandten gegenüber.


Am Rande bleiben dabei – wie oft bei diesem Regisseur – die Männer. Die Frauen sind durchaus in der Lage selbst ihr Leben zu gestalten und für sich zu sorgen und musssten das auch einst, als Janis` Urgroßvater ermordet wurde. Sie stehen für das Leben und für Sanftheit, während bei den Männern immer die Brutalität des Spanischen Bürgerkriegs mitgedacht werden muss.


So ist "Madres paralelas" eine weitere leidenschaftliche Hommage Almodóvars an die Frauen, die von großartigen Schauspielerinnen getragen wird. Wunderbar vielschichtig spielt Pénelope Cruz Janis als nach außen starke Fotografin, macht hinter der Fassade aber auch Verletzlichkeit und auch dunkle Seiten sichtbar. Neben dem spanischen Star muss sich aber auch die Newcomerin Milena Smit nicht verstecken, die einfühlsam die Traumatisierung Anas vermittelt und auch Aitana Sánchez-Gijón als vermeintliche Rabenmutter Teresa macht deren Zerrissenheit zwischen Beruf und Tochter und deren Schuldgefühle erfahrbar.


Zum Genuss macht dieses Drama aber wieder Almodóvars typische und gewohnt superbe visuelle Gestaltung. Da ist wieder jeder Farbtupfer präzis gesetzt, die blauen und roten Kissen in der Stadtwohnung ebenso aufeinander abgestimmt wie die gelbe, grüne und rote Vase. Aber nicht stylisch und postkartenmäßig wirken diese leuchtenden Farben und die elegante Ausstattung beim Spanier, sondern eben stilvoll. Und elegant werden dabei auch mit moderner Wohnung auf der einen Seite und malerischem dörflichem Haus am Ende, nicht nur Land und Stadt, sondern auch Moderne und Tradition, Gegenwart und Geschichte einander gegenübergestellt.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kino Scala in St. Gallen und im Skino in Schaan.

Geplanter Start in Österreich und Deutschland im März 2022


Trailer zu "Madres paralelas"