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Madame Kika

  • Autorenbild: Walter Gasperi
    Walter Gasperi
  • 16. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit
"Madame Kika": Warmherzige Tragikomödie um eine Sozialarbeiterin, die als Sexarbeiterin zu arbeiten beginnt.
"Madame Kika": Warmherzige Tragikomödie um eine Sozialarbeiterin, die als Sexarbeiterin zu arbeiten beginnt.

Eine Sozialarbeiterin beginnt nach dem überraschenden Tod ihres Partners als Sexarbeiterin zu arbeiten, um sich und ihre etwa zehnjährige Tochter über Wasser zu halten: Weniger Sozialdrama als vielmehr warmherzige Tragikomödie, die vom genauen Blick Alexe Poukines fürs Milieu der Sexarbeiter:innen und einer großartigen Manon Clavel in der Hauptrolle getragen wird.


Wie die Handkamera von Colin Lévêque der Sozialarbeiterin Kika (Manon Clavel) hautnah im Rücken durch den Gang des Amts folgt, erinnert an die Filme der Brüder Dardenne. Nah wird die belgisch-französische Regisseurin Alexe Poukine durch den ganzen Film an ihrer Protagonistin bleiben und ganz aus ihrer Perspektive erzählen, doch dem harschen Sozialrealismus der vielfach preisgekrönten Meisterregisseure, mit deren Filmen "Rosetta" (1999) und "Deux jours, une nuit" (2014) "Madame Kika" auch die Fokussierung auf eine in prekären Verhältnissen lebende Protagonistin verbindet, steht hier eine warmherzige und immer wieder von Humor durchzogene Erzählweise gegenüber.


Von Anfang an vermittelt Manon Clavel als Kika auch eine Stärke und Widerstandskraft, die daran glauben lässt, dass diese Frau sich nicht unterkriegen lassen, sondern durchsetzen wird. Engagiert setzt sie sich im Sozialamt für ihre Kunden ein und hat privat eine kleine Familie mit ihrem langjährigen Partner Paul (Thomas Coumans) und der gemeinsamen, etwa zehnjährigen Tochter Louisan (Suzanne Elbaz).


Doch dann lernt sie den Fahrradmechaniker David (Makita Samba) kennen und eine neue Liebe entflammt. Durch Ellipsen dicht ist hier die Erzählweise, wenn die Trennung von Paul mit einer langen Schwarzblende übersprungen wird, das neue Glück aber nur kurz währt und Kika wenig später die schockierende Nachricht vom unerwarteten Tod Davids trifft.


Die finanzielle Situation der alleinerziehenden Mutter, die zudem noch schwanger ist, wird damit prekär. Bald verliert sie die Wohnung und muss mit ihrer Tochter wieder bei ihrer Mutter und deren Partner einziehen. Gering ist auch das Verdienst in einem Nebenjob bei einem befreundeten Fischverkäufer, lukrativer scheint da schon die Sexarbeit.


Was mit dem Verkauf von gebrauchten Slips beginnt, steigert sich zum sukzessive professioneller ausgeführten Job als Domina. Demütigt sie zunächst ihre Kunden "nur" durch Beschimpfungen, schlägt sie diese bald auf Wunsch mit der Reitgerte oder nimmt sie wie ein Baby in den Arm.


Im genauen Blick auf die schwierigen Lebensbedingungen Kikas und das Milieu der Sexarbeiter:innen spürt man Alexe Poukines Herkunft vom Dokumentarfilm. Nie wirkt das voyeuristisch, denn erscheinen die Kunden mit ihren masochistischen Wünschen zunächst als skurril bis verrückt, werden bald Traumata und Sehnsucht nach Trost sichtbar, die sie zu bemitleidenswerten Menschen machen. Aber auch Kika wandelt sich durch diese Arbeit.


Spielt sie zunächst unbeholfen die Rolle der Domina, die nichts mit ihrer fürsorglichen Persönlichkeit gemein hat, so verinnerlicht sie das Spiel immer mehr. Gleichzeitig lernt sie damit aber auch sich ihrer verdrängten Trauer über den Tod des Partners zu stellen und dem Schmerz Raum zu geben. Unterstützung findet sie aber auch bei erfahrenen Sexarbeiter:innen, die ihr zahlreiche praktische Tipps geben.


Realistisch, aber nie schmuddelig ist die Schilderung des von der bürgerlichen Gesellschaft vielfach geschmähten Milieus und mit viel Sympathie und Wärme zeichnet Poukine Kikas Kolleginnen. Bewundernswert hält sie dabei auch die Balance zwischen Drama und Komödie, beschönigt nichts, wird aber nie niederschmetternd, sondern bleibt immer hoffnungsvoll und leichthändig.


Nicht zu übersehen ist allerdings auch, dass mit der zunehmenden Fokussierung auf Kikas Sexarbeit andere zunächst angeschnittene Aspekte wie ihre Schwangerschaft, die Beziehung zur Tochter oder die Arbeit als Sozialarbeiterin zu sehr in den Hintergrund treten. Ganz rund ist dieses Debüt so zwar nicht, doch darüber lässt locker eine großartige Manon Clavel in der Hauptrolle hinwegsehen. Mühelos trägt die französisch-amerikanische Schauspielerin, die in jeder Szene präsent ist, mit ihrem unverbrauchten und ungeschönt pickeligen Gesicht und ihrem leidenschaftlichen Spiel diese warmherzige Tragikomödie, die das Beschreiten ungewöhnlicher Wege und Resilienz feiert.



Läuft jetzt in den deutschen und österreichischen KInos, z.B. im Cinema Dornbirn.



Trailer zu "Madame Kika"



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