• Walter Gasperi

Little Women


Schon mehrfach wurde Louisa May Alcotts 1868/69 erschienener zweiteiliger Roman verfilmt. Leicht könnte die Geschichte um das Coming-of-Age von vier Schwestern im Amerika der 1860er Jahre verstaubt daherkommen, doch Greta Gerwig beweist bei ihrer für sechs Oscars nominierten Neuverfilmung nicht nur Gespür für die Charaktere, sondern verleiht auch mit Schärfung des feministischen Akzents und unchronologischer Erzählweise der Geschichte Pfiff und begeistert mit betörenden Bildern und herausragendem Ensemble.


Schon 1933 hat George Cukor mit Katherine Hepburn und Joan Bennett Louisa May Alcotts Roman verfilmt, 1949 spielte unter der Regie von Mervyn Leroy June Allyson den Wildfang Jo, Elizabeth Taylor Amy und Janet Leigh Meg, mit Christian Bale, Kirsten Dunst und Winona Ryder hochkarätig besetzt war auch Gillian Armstrongs Adaption von 1994 und in Japan wurde aus der Vorlage 1987 sogar ein Animé mit dem Titel „Eine fröhliche Familie“.


Nicht leicht ist es aus einem so alten und oft bearbeiteten Stoff einen überzeugenden und frischen Film zu machen. Greta Gerwig gelang dies aber souverän. Da bricht sie zunächst einmal die Chronologie auf, indem sie damit einsetzt, dass die junge Jo (Saoirse Ronan), die Schriftstellerin werden will, in New York ihre ersten Kurzgeschichten verkaufen kann, und dann immer wieder von dieser nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg spielenden Zeitebene mehrere Jahre in die Kindheit und Jugend der vier Schwestern zurückspringt.


Nicht ganz leicht macht Gerwig es dem Zuschauer am Beginn mit diesen Zeitsprüngen, doch mit Fortdauer kommt man doch in diesen Strom hereinbrechender Erinnerungen hinein. Vor allem sorgt diese Erzählweise dafür, dass nie das Gefühl einer schwerfälligen Narration aufkommt, sondern sich vielmehr aus einer Abfolge impressionistischer Szenen langsam ein komplexes Bild einstellt, die Charaktere und die Familie der Marchs Profil gewinnen.


Schon mit der ersten Szene wird dabei die Stoßrichtung vorgegeben, wenn der Verleg Jo erklärt, dass am Ende einer solchen Geschichte die Frau entweder heiraten oder tot sein müsse, und er ihr auch ein geringeres Honorar als üblich zahlt, da sie ja eine Frau sei.


Aus der Perspektive der selbstbewussten und temperamentvollen Jo, dem Alter-Ego der Romanautorin, erzählt Gerwig, aber auch Amy (Florence Pugh), die davon träumt Malerin zu werden, die häusliche Meg (Emma Watson) und die leidenschaftliche Klavierspielerin, aber kränkliche Beth (Eliza Scanlen) kommen nicht zu kurz. Und daneben gibt es auch die liebevolle Mutter (Laura Dern) und die unverheiratete reiche Tante March (Meryl Streep).


Perfekt besetzt ist dieses Frauenensemble, konsequent in die zweite Reihe verwiesen werden die Männer vom lange aufgrund des Bürgerkriegs abwesenden Vater, bis zum jungen Laurie (Timothèe Chalamet), der vor allem für Jo schwärmt, oder dem reichen alten Nachbarn.


Jede dieser Schauspielerinnen versteht es ihre Figur mit Leben zu füllen, ihre Freuden und Sorgen zu vermitteln. Denn wie auch im Film gesagt wird, geht es hier um häusliche Freuden und Leiden, die sonst nie thematisiert werden, aber auch um die Güte und die Mitmenschlichkeit, die Mutter March ihre Töchter lehrt, und natürlich um das Spannungsfeld von weiblichen Lebensträumen auf der einen Seite und gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen auf der anderen.


Während Meg bald das Glück in der Ehe sucht und auch findet, will sich vor allem Jo mit dieser Rollenzuschreibung nicht abfinden, will Schriftstellerin werden und unverheiratet bleiben. Dass nur entsprechendes Vermögen dies ermöglicht, Armut die Frau aber zur Heirat und damit in ökonomische Abhängigkeit vom Mann zwingt, bringt Tante March mit ihrer Antwort auf Jos Feststellung, dass sie ja auch unverheiratet sei, auf den Punkt: "Ich bin ja auch reich."


Ganz heutig wirkt der Film in dieser Schilderung weiblicher Lebensentwürfe, erweist sich als starkes und entschlossenes Plädoyer für Gleichberechtigung, versteht es aber gleichzeitig die Schaulust des Publikums zu befriedigen.


Großartig fängt Kameramann Yorick Le Saux in sanftem Licht die Atmosphäre in dieser kleinbürgerlichen Familie ein, wechselt zwischen in kühles Blau und Grau getauchten Innenszenen und hellen Außenszenen und verschweigt dabei auch nicht die Not anderer Menschen. Visuell betörend sind bei dem auf leicht körnigem 35mm Film gedrehten Film die Bilder von einer Eislaufpartie auf einem zugefrorenen See bis zu einer Strandszene mit der kranken Beth. Prächtige Ballszenen fehlen ebenso wenig wie großartige Landschaftsaufnahmen, aber nie wird das Visuelle selbstzweckhaft, immer steht die Form, zu der auch der abwechslungsreiche Musikeinsatz zählt, im Dienst der Handlung.


Kunstvoll spielt Gerwig am Ende dann auch mit der Vermischung von Handlung von Jos Buch und Leben, lässt die Ebenen ineinander fließen und Jo und den Verleger die vierte Wand der Leinwand durchbrechen, wenn sie direkt zum Publikum sprechen.


Das ist in allen Details bis hin zu Ausstattung und Kostümen so sicher und treffend gemacht und so frisch und schwungvoll inszeniert und gespielt, dass auf diese „Little Women“ wohl auch das zutrifft, was François Truffaut über Marcel Carnés Meisterwerk „Les enfants du paradis“ schrieb: „Es ist ein Film, der nicht altert, oder, was auf dasselbe hinausläuft, der sehr schön altert“.


Läuft derzeit in den Kinos


Trailer zu "Little Women"