• Walter Gasperi

Liebe war es nie


Maya Sarfaty zeichnet in ihrem Dokumentarfilm mit Interviews und Fotomontagen die unmögliche Liebesgeschichte zwischen der jüdischen Auschwitz-Insassin Helena Citron und dem österreichischen SS-Offizier Franz Wunsch nach. – Ein ungewöhnlicher Blick auf die Shoa, der aber vor allem auf Talking Heads vertraut.


Sohn, Tochter und Nichte erkennen ihre Mutter bzw. Tante sofort, als ihnen ein Foto einer hübschen jungen Frau in KZ-Uniform gereicht wird, und fragen sich wie eine Jüdin in KZ-Uniform lächeln kann. - Dieses Foto ist Ausgangspunkt der Erzählung des Lebens und Überlebens von Helena Citron im KZ Auschwitz und ihrer Beziehung zum SS-Unterscharführer Franz Wunsch.


Vom März 1942 als die slowakische Jüdin mit dem ersten Zug von 1000 Frauen nach Auschwitz kam bis zum Prozess gegen Wunsch 1972 in Wien spannt Maya Sarfaty den Bogen. Im Archivmaterial kommt nicht nur die 2007 verstorbene Helena zu Wort, sondern auch ihre Mithäftlinge und ihre Schwester Roza, die sie durch die Hilfe Wunschs vor dem Tod in der Gaskammer retten konnte, während er deren Kinder umkommen ließ.


Auch Wunsch selbst, der Frauen in Auschwitz zwar gut behandelt haben soll, gegenüber Männern sich aber als brutaler Sadist zeigte, spricht in Shirt und kurzer Hose im Garten sitzend in einem Interview aus dem Jahr 2003 über seine Beziehung zu Helena. Ihre Schönheit und ihr Gesang faszinierten ihn auf den ersten Blick, sodass er sie pflegte, als sie an Typhus erkrankte und immer wieder unterstützte. Ihre Mithäftlinge beurteilen diese sexuelle Beziehung, die sie über zwei Jahre unterhielten, freilich unterschiedlich, werfen ihr teilweise Kollaboration vor, sprechen andererseits von der Intensität der ersten Liebe und einer Chance, die jede andere auch genutzt hätte.


Chronologisch zeichnet Sarfaty mit diesen Interviews die Zeit in Auschwitz nach, arbeitet heraus, dass die Frauen im Trakt Kanada besser behandelt wurden, lässt aber darüber nie vergessen, dass nebenan maschinell Menschen vergast und anschließend verbrannt wurden.


Die Talking Heads dominieren, nur illustrativen Charakter haben schwarzweiße Fotomontagen, mit denen Szenen nachgestellt werden. Kunstgewerblich und geschmäcklerisch wirken diese Bilder teilweise und auch die dramatisierende Musik ist entbehrlich. - Tragen müssen den Film die Zeitzeugen, aber wirklich verdichtet wird kaum ein Moment und auch die Ambivalenz dieser unglaublichen Beziehung zwischen einem Täter und einem Opfer wird nicht ausgelotet.


Dass dabei zumindest von der Seite von Wunsch echte Liebe im Spiel war, wird spätestens deutlich, wenn er nach Kriegsende Helena noch Briefe schrieb und sie zu finden versuchte. Sie wiederum sah sich in Israel Anfeindungen von ihren ehemaligen Mithäftlingen ausgesetzt, entschloss sich aber trotzdem auf Drängen von Wunschs Gattin beim Kriegsverbrecherprozess gegen den einstigen SS-Offizier 1972 in Wien auszusagen.


Ein weiteres Mal wird dabei Einblick in die österreichische Verdrängungspolitik geboten, wenn ein Geschworener Wunsch als solide, sympathisch und bieder beschreibt und der Staatsanwalt erklärt, wie schwer es war Verurteilungen von Kriegsverbrechern zu erreichen. Auch hier bleibt aber das Gefühl zurück, dass Maya Sarfaty aus diesem Prozess mehr herausholen hätte können oder müssen und offen bleibt auch, wie viel Helena Citron, die zwar für Wunsch aussagte, ihn aber keines Blickes würdigte, zum Freispruch beitrug,


Wird vom FKC Dornbirn am Mittwoch, den 5.5. und am Donnerstag, den 6.5. jeweils um 17.30 Uhr im Cinema Dornbirn gezeigt (mehrsprachige O.m.U.)


Trailer zu "Liebe war es nie"