• Walter Gasperi

Licorice Pizza


Nach schwergewichtigen Dramen wie "There Will Be Blood" legt Paul Thomas Anderson eine luftig-leichte Komödie über eine Teenagerliebe vor und beschwört mitreißend die Stimmung im Kalifornien der 1970er Jahre.


Schon 2018 wurde gemeldet, dass Paul Thomas Anderson ("Magnolia", There Will Be Blood", "Phantom Thread") an einem Drehbuch für einen Film für die ganze Familie arbeite. Als Grund dafür wurde genannt, dass sich seine vier Kinder beklagten, dass sie die "Erwachsenenfilme" ihres Vaters nie sehen dürften. Nun liegt mit "Licorice Pizza", dessen Titel sich auf den Namen eines Plattenladens der 1970er und 1980er Jahre bezieht, dieser Familienfilm vor.


Wie schon "Boogie Nights", mit dem dem Kalifornier 1997 der Durchbruch gelang, und "Magnolia" (1999) spielt auch "Licorice Pizza" im zu Los Angeles gehörenden San Fernando Valley, in dem Anderson auch aufwuchs. Und wie "Boogie Nights" und die durchgeknallte Krimikomödie "Inherent Vice" (2014) spielt auch der neue Film des Meisterregisseurs in den 1970er Jahren.


Mit einer fulminanten Plansequenz, in der der 15-jährige Kinderschauspieler Gary Valentine (Cooper Hoffman) in der etwa 10 Jahre älteren Alana Kane (Alana Haim) seine Traumfrau entdeckt und sie zu einem Abendessen einlädt setzt dieser Teenagerfilm unvermittelt ein. Vom ersten Augenblick an begeistert dabei die Unverbrauchtheit und das Feuer von Cooper Hoffman, Sohn des verstorbenen Philip Seymour Hoffman, und Alana Haim, die bislang als Mitglied der Band Haim bekannt war. Mit ihrer Spielfreude ziehen diese beiden Jungschauspieler*innen schon in ihrer ersten größeren Filmrolle die Zuschauer*innen ins Geschehen und reißen mit, sodass man diese Charaktere einfach mögen muss und gespannt ihren Abenteuern folgt.


Wie in "Inherent Vice" stellt sich dabei keine stringente Handlung ein, sondern um dieses Duo herum reiht Anderson Szenen aneinander, die kaum miteinander verbunden sind. Am Rande bleiben dabei die Erwachsenen, ganz auf Augenhöhe mit Gary und Alana ist Anderson und streut locker Gastauftritte von Stars wie Sean Penn, Tom Waits und Bradley Cooper ein.


So führt Garys Schauspielkarriere die beiden mit einer Variation der Lucille Ball-Show nach New York, dann erweist sich Gary als findiger Geschäftsmann, der zunächst einen Handel mit Wasserbetten aufzieht, und später eine Halle mit Flipperautomaten eröffnet.


Der Versuch Alanas eine Karriere als Schauspielerin zu starten, führt zum Kontakt mit dem Schauspieler Jack Holden (Sean Penn), mit dem Anderson mehr oder weniger schmeichelhaft dem Hollywoodstar William Holden seine Reverenz erweist. Wenn dabei diesem Altstar der – reale - jüngere Produzent Jon Peters (Bradley Cooper) gegenübergestellt wird, dann wird hier auch die Ablöse des alten Studiosystems durch das New Hollywood verarbeitet. Doch dann beschließt Alana sich politisch zu engagieren und den Bürgermeisterkandidaten Joel Wachs (Benny Safdie) zu unterstützen, der ebenfalls auf einer realen Person beruht.


Gary, dessen Figur vom realen Kinderdarsteller Gary Goetzman inspiriert ist, und Alana hängen dabei zwar aneinander und unterstützen sich immer wieder gegenseitig, doch ein Paar werden sie nie. Platonisch bleibt die Beziehung, keinen Kuss und schon gar keine Sexszenen gibt es hier und wenn Alana Gary einmal ihre Brüste zeigt, sehen wir dabei nur ihren Rücken. Gleichwohl blicken sie immer wieder eifersüchtig auf sich potentiell entwickelnde Beziehungen des jeweils anderen.


Wichtiger als die mäandernde Handlung ist für Anderson sichtlich, sich auf seine beiden Protagonisten einzulassen und die Stimmung der frühen 1970er Jahre zu beschwören. In kräftigen Farben und mit einem fulminanten Soundtrack von Johny Greenwood, der zahlreiche zeitgenössische Hits verwendet, vermittelt er die Lebensfreude und Freiheit dieser Zeit. Er bringt aber auch den Öl-Schock, das Ende der Nixon-Ära und mit Protesten gegen Verbauung die Anfänge des Umweltschutzes ins Spiel.


Doch nicht nur eine vergangene Zeit erweckt Anderson mit Leidenschaft zum Leben, sondern auch die filmische Bewegung des New Hollywood. Wie schon in "Inherent Vice", in dem er Robert Altmans "The Long Goodbye" seine Reverenz erwies, beschwört er auch hier die Ära dieses filmischen Aufbruchs, in dem ungleich mehr Experimente möglich waren als heute. Lustvoll frönt er so mit langen Parallelfahrten der von ihm selbst und von Michael Baumann geführten Kamera seinem Hang zu Plansequenzen, bricht Szenen einerseits abrupt ab, baut andererseits eine riskante LKW-Fahrt Alanas breit aus.


Sichtlich ein meisterhafter Spieler ist hier am Werk, der mit seinen 52 Jahren und einer stattlichen Reihe von Meisterwerken im Rücken niemandem mehr etwas beweisen muss, sondern seiner Lust nachgeht, seinem Duo durch aberwitzige Szenen zu folgen, bis er es am Ende doch zusammenführt und vor einem Kino, in dem gerade der Bond-Film "To Live and Let Die" läuft, in vollem Lauf zusammenprallen lässt.

Licorice Pizza USA 2021 Regie: Paul Thomas Anderson mit: Alana Haim, Cooper Hoffmann, Sean Penn, Tom Waits, Bradley Cooper, Benny Safdie Länge: 133 min.


Läuft in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Skino in Schaan


Trailer zu "Licorece Pizza"