Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean
- Walter Gasperi

- vor 9 Minuten
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Éric Besnard bietet keine Verfilmung von Victor Hugos epischem Roman "Die Elenden", sondern beschränkt sich auf die Begegnung des Haftentlassenen Jean Valjean mit dem gutherzigen Bischof von Digne: Ein von starken Schauspieler:innen getragenes, konzentriertes Kammerspiel, in dem nur kurze Rückblenden aus dem düsteren Haus hinausführen.
Seit 1905 wurde Victor Hugos 1862 erschienener Roman immer wieder verfilmt. Nicht nur in Frankreich und den USA wurde der Stoff für die Leinwand adaptiert, sondern unter anderem auch in Indien, Japan, der Sowjetunion und Brasilien. Zum Hit entwickelte sich aber auch das 1980 uraufgeführte französische Musical "Les Misérables", das Tom Hooper 2012 mit Starbesetzung verfilmte.
Von 1815 bis 1832 spannt sich die Handlung und verknüpft zahlreiche Nebenfiguren mit dem Schicksal Jean Valjeans. 19 Jahre verbrachte dieser wegen des Diebstahls eines Stücks Brot sowie vier Fluchtversuchen in Haft und musste harte Zwangsarbeit leisten, ehe er als verhärteter Mann entlassen wurde. Éric Besnard beschränkt sich auf die kurz nach der Haftentlassung folgende Begegnung Valjeans (Grégory Gadebois) mit dem gutherzigen Bischof von Digne (Bernard Campan) und damit auf die ersten Kapitel des 600-seitigen Romans.
An die biblische Herbergssuche von Maria und Josef erinnert wie der wegen seiner Haftstrafe sozial gebrandmarkte Valjean in der ersten Szene in einem Dorf von allen abgewiesen und ausgestoßen wird. Doch eine alte Frau weist ihm schließlich den Weg zu einem Haus, in dem er doch noch aufgenommen wird.
Gegensätze prallen hier mit dem verhärteten und grobschlächtigen Valjean und dem warmherzigen Bischof, den der Gast für einen einfachen Priester hält, aufeinander. Dem Wohlwollen des Bischofs, der den Außenseiter immer mit "Monsieur" anspricht, steht das barsche Verhalten Valjeans gegenüber. Suppe und Gebäck stopft er hastig in sich hinein, doch kein Wort des Dankes kommt über seine Lippen, sondern vielmehr beleidigt er seinen Gastgeber und wird ihn später auch noch bestehlen.
Rückblenden bieten Einblick in das Leben des Bischofs, der sich erst nach einem schweren Verlust ganz in den Dienst der Menschen stellte und seinen Palast als Krankenhaus zur Verfügung stellte, um selbst mit einem einfachen Steinhaus vorlieb zu nehmen, ebenso wie in Valjeans Haft. Nachvollziehbar wird durch dessen Erfahrungen im Steinbruch und die Schläge der Aufseher, warum er jeden Glauben an das Gute und Schöne verloren hat und eine extreme Härte entwickelte.
Nach außen gekehrt wird diese Härte auch durch die karge Felslandschaft, durch die er am Beginn und am Ende wandert, aber auch durch das von Steinen bestimmte Dorf und das Haus des Bischofs. Keine leuchtenden und hellen Farben gibt es hier, sondern weitgehend auf Grau-, Schwarz- und Brauntöne ist die Farbpalette reduziert.
Die Stimme des Volkes wird bei den Gesprächen durch die Magd des Bischofs (Alexandra Lamy) vertreten. Sie ist gegen die Aufnahme des Haftentlassenen, weist immer wieder auf die Gefahr hin, die von ihm unzweifelhaft drohe. Die Schwester des Bischofs (Isabelle Carré), die offensichtlich selbst auch bittere Erfahrungen im Leben gemacht hat, verteidigt Valjean immer wieder und nimmt ihn in Schutz.
Während Besnards letzten Filme "Délicieux" ("À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen", 2021), "Les choses simples" ("Die einfachen Dinge", 2023) und "Louise Violet" ("Louise und die Schule der Freiheit", 2024) immer wieder mit weiten und lichtdurchfluteten Landschaftsaufnahmen durchatmen ließen, dominiert hier die Enge und Dunkelheit, des nur von wenigen Kerzen erhellten Steinhauses. Nur in den Erinnerungen des Bischofs öffnet sich der Blick in eine andere Welt – und natürlich, wenn Valjean am Ende quasi als neuer Mensch durch die weite Landschaft zieht.
Davon abgesehen kommt der 62-jährige Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, aber mit vier Personen und dem Haus als Schauplatz aus. Der Fokus liegt ganz auf den Gesprächen zwischen den beiden ungleichen Männern. Nichts soll hier die Aufmerksamkeit von den Figuren ablenken. Karg ist die Ausstattung, unauffällig die Inszenierung, die manche Szenen wohl bewusst theaterhaft wirken lässt.
Besnard bietet dabei in seiner langsamen, aber konzentrierten Erzählweise nicht nur seinem Stammschauspieler Grégory Gadebois, dessen Valjean schon durch den mächtigen Körper Rohheit ausstrahlt und furchteinflößend wirkt, und Bernard Campan als Bischof viel Raum, um ihren Figuren Profil zu verleihen, sondern auch Alexandra Lamy als Magd und Isabelle Carré als Schwester entwickeln Präsenz.
Zentrale Figur ist dabei nicht Valjean, sondern der Bischof, dessen schier unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen durch seinen Gast auf eine harte Probe gestellt wird. Von Gott ist hier kaum einmal die Rede, vielmehr rückt der Bischof immer wieder den Menschen ins Zentrum, betont auch die Nützlichkeit des scheinbar nur Schönen wie seiner Blumen und ergreift immer wieder Partei für die Armen und Ausgestoßenen.
So verdichtet sich dieses Kammerspiel gerade in seiner Reduktion zu einem eindringlichen und zeitlosen Plädoyer für Menschenliebe und gegen Ausgrenzung und Hass und feiert die Kraft der Güte, die vielleicht doch auch bei einem scheinbar hoffnungslos verhärteten und innerlich abgestorbenen Menschen eine Änderung seiner Haltung herbeiführen kann.
Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean
Frankreich 2025
Regie: Éric Besnard
mit: Grégory Gadebois, Bernard Campan, Isabelle Carré, Alexandra Lamy, Dominique Pinon
Länge: 98 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung)
Trailer zu "Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean"




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