• Walter Gasperi

Le jeune Ahmed


Hautnah folgen Jean-Pierre und Luc Dardenne einem 13-jährigen Islamisten durch seinen Alltag, fokussieren konsequent auf ihrem Protagonisten, blenden Erkläru ngen und Umfeld konsequent aus. Ein dichtes, kompaktes Drama – doch irgendetwas fehlt im Vergleich zu den anderen Filmen des belgischen Brüderpaars.


Die Kamera klebt förmlich am jungen Ahmed (Idir Ben Addi), wenn er durch das Stiegenhaus zur Toilette hetzt, in der er ein kurzes heimliches Telefonat führt. Ein hektischer Schnitt vermittelt auch sofort die Gedrängtheit und Getriebenheit des Protagonisten und überträgt dessen Anspannung direkt auf den Zuschauer.


Sofort ist die Erinnerung an „Rosetta“ und die anderen großen Filme der Dardennes da, unverkennbar ist ihr Stil. In jeder Szene, ja fast in jeder Einstellung wird der Teenager in den nächsten 85 Minuten zu sehen sein. Auf Schritt und Tritt folgen ihm die Dardennes, verzichten wie in den meisten ihrer Filme auf Musik. Erst zum Nachspann wird eine Sonate von Schubert einsetzen.


Ahmed, dessen Cousin im Dschihad gefallen ist, ist überzeugter Islamist: Der Lehrerin gibt er die Hand nicht mehr, weil ein gläubiger Moslem seiner Meinung nach keiner Frau, die einen Juden zum Freund hat, die Hand geben darf. Die Mutter kritisiert er heftig, weil sie hin und wieder ein Glas Wein trinkt. Sie möchte ihn von seiner verbohrten Haltung ebenso abbringen wie seine Schwester, die er wegen ihrer Kleidung als "Schlampe" beschimpft.


Wie an einem Felsblock prallen alle Bemühungen aber ab, der Einfluss des Imam scheint durch nichts zu brechen. Die Lehrerin ist den überzeugten Islamisten ein Dorn im Auge, weil sie den Schülern Arabisch über moderne Lieder statt durch den Koran beibringen will. Wie unterschiedlich dazu auch die Eltern stehen, zeigt sich bei einem Elternabend, bei dem konträre Meinungen aufeinanderprallen, die fortschrittlicheren und liberalen, das als positiv ansehen, da dies wichtig für die Berufschancen sei, die konservativen Moslems die Methode der Lehrerin aber kritisieren.


Ahmed glaubt der Lehrerin mit Gewalt Einhalt bieten zu müssen, besucht sie zuhause und greift sie mit einem Messer an. Rasch wird er verhaftet, kommt in ein Jugendgefängnis, erhält psychologische Betreuung und wird zur Arbeit auf einem Bauernhof verpflichtet, die ihn zu einem Umdenken bewegen soll.


Weil eine Berührung eines Hundes für ihn unrein ist, wird der Hund des Hofes an die Leine gelegt, mit den Kälbern scheint Ahmed dagegen gut umzugehen, auch mit der gleichaltrigen Tochter des Bauern versteht er sich.


In einer langen, bewegenden Einstellung filmen die Dardennes einen Besuch der Mutter, die ihren Sohn nicht mehr versteht und schließlich in Tränen ausbricht, ein Treffen mit der Lehrerin wird dagegen sofort abgebrochen, weil das Opfer in Tränen ausbricht. Spürbar wird hier, wie sein Angriff die Lehrerin traumatisiert hat.


Die Psychologin glaubt allerdings schon eine Wandlung und Besserung bei Ahmed festzustellen, doch dann haut der Junge ab. Offen und ambivalent halten die Dardennes schließlich das Ende, das ein bisschen an Robert Bressons „Pickpocket“ erinnert.


Nach André Téchinés „L´adieu à la nuit“ ist das wiederum ein Film über die islamische Fanatisierung eines jungen Menschen. Noch radikaler als Téchiné verzichten die Dardennes aber auf Erklärungen, führen die Handlung mit der Fokussierung auf Ahmed extrem eng, öffnen bewusst keinen Blick darüber hinaus, werten nicht, sondern schildern und überlassen die Beurteilung dem Zuschauer.


So wenig wie Mutter und Lehrerin kann der Zuschauer hier Ahmeds Verhalten verstehen, bekommt aber einen dichten Einblick in sein quasi zwanghaftes Verhalten. – Mehr als im Gefängnis ist er in seinem Körper eingesperrt, kein Mensch findet zu ihm Zugang, nur durch quasi göttliche Macht scheint eine Wandlung, ein Aufbrechen seines Fanatismus, eine Öffnung für die anderen Menschen möglich.


Bei aller Gedrängtheit, bei aller formalen Konsequenz packt dieser Film aber doch nicht so wie andere Filme der Dardennes, beispielsweise „Le gamin au velo“. Das mag daran liegen, dass Ahmed letztlich zu wenig fassbar bleibt, zu wenig Hintergrund hat, aber auch daran, dass man nicht wirklich Empathie für ihn entwickeln kann. Man spürt und weiß zwar, dass dieser Jugendliche im Kern ein fehlgeleitetes Opfer ist, doch mehr ist er noch ein Täter, um dessen potentielle Opfer man in erster Linie fürchtet. – Schlecht eignet sich so ein Charakter als Hauptfigur, bleibt man auf Zuschauer doch immer auf Distanz, will und kann sich mit ihm nicht identifizieren.


Läuft ab Donnerstag, 5.12. in den Schweizer Kinos - z.B. im St. Galler Kinok


Trailer zu "Le jeune Ahmed"