• Walter Gasperi

Le discours


Mit sich und dem Leben zu kämpfen hat Adrien, seit seine Freundin sich in eine Beziehungspause verabschiedet hat und er zudem bei der Hochzeit seiner Schwester eine Rede halten soll. Und dann gibt es da noch ein langweiliges Familienessen. – Laurent Tirard zaubert daraus mit Einfallsreichtum und einem groß aufspielenden Benjamin Lavernhe eine hinreißende Komödie.


Schon mit dem Vorspann, der für einmal nicht als Inserts auf der Leinwand erscheint, sondern den der Protagonist Adrien (Benjamin Lavernhe) in einem festlichen Veranstaltungsraum vor leuchtend rotem Vorhang verliest und viel Spaß beim Film wünscht, hat Laurent Tirard das Publikum am Haken. Wie hier durchbricht Adrien auch später immer wieder die imaginäre vierte Wand, spricht die Zuschauer*innen direkt an und scheint in Interaktion mit ihnen treten zu wollen.


Direkt in die Kamera erzählt er so auch über seine Freundin Sonja (Sara Giraudeau), die eines Tages völlig überraschend eine Beziehungspause wollte, und schildert gerafft seine folgenden emotionalen Reaktionen. 38 Tage dauert nun die Pause schon. Kurz vor er zu einem Familienessen geht, schickt Adrien Sonja aber wieder einmal eine SMS.


Da sie die Nachricht offensichtlich gelesen hat, wartet er nun am Essenstisch auf eine Antwort. Wenig Interesse zeigt er folglich an den Gesprächen von Eltern (Guilaine Londez und François Morel), Schwester Sophie (Julia Piaton) sowie deren zukünftigem Mann (Kyan Khojandi) über Bodenheizungen. Vielmehr schweifen seine Gedanken an seine Studienzeit, an die erste Begegnung mit Sonja ab und er sieht auch schon in einem Musiker ihren neuen Freund oder stellt in Gedanken einen Astrologen zur Rede, dessen Horoskop ihn verärgert.


Gleichzeitig beschäftigt ihn aber auch noch die Bitte seines zukünftigen Schwagers bei der Hochzeit eine Rede zu halten. Um das zu verhindern, gehen seine Gedanken bis zu Mordplänen, die freilich wieder zu einer Begräbnisrede führen würden. Und dann gibt es noch das langweilige Familienessen mit dem ewig gleichen Essen der Mutter, den schon zigmal erzählten Geschichten des Vaters und den banalen Gesprächsthemen.


Ganz aus der Perspektive von Adrien erzählt Laurent Tirard in seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans des Autors und Comiczeichners Fabcaro. In seine Gedankenwelt taucht Tirard ein und hält mit Adriens Voice-over den Film nicht nur zusammen, sondern erzeugt auch ein hohes Tempo. Denn spielerisch leicht kann so rasant zwischen Szenen gewechselt werden, kann sich Adrien einerseits an die Kindheit mit einer Laubsägearbeit in der Grundschule erinnern, andererseits sich die gefürchtete Rede bei der Hochzeit schon vorstellen.


Man spürt das Vergnügen Benjamin Lavernhes an dieser Rolle, doch so fies dieser Adrien manchmal agiert, so bleibt er im Grunde doch immer sympathisch. Nicht zuletzt durch diese spürbare Empathie für ihn und seine Familienmitglieder, die alle ihre Fehler haben, gewinnt "Le discours" seinen Charme. Klein gehalten ist die Handlung, doch einfach beglückend ist, wie viel Tirard aus dem Kopf des Protagonisten herausholt oder sich in diesem abspielen lässt.


Und neben dem puren Amüsement erzählt diese Komödie doch noch einiges nicht nur über klassische oder auch klischeehafte familiäre Beziehungen und Abendessen, sondern auch über die heutige Abhängigkeit vom Smartphone, wenn das Warten auf eine SMS Adrien förmlich paralysiert und keinen anderen Gedanken mehr fassen lässt. Ein Neurotiker in der Nachfolge der Figuren Woody Allens ist dieser Adrien, bis Tirard im Finale mit der Hochzeitsrede dann noch einen Haken schlägt und der mit knapp 90 Minuten erfreulich kurze und kompakte Film mit einem Schuss Rührung in einer Hommage an die Liebe und – trotz allem – an die Familie endet.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan

Trailer zu "Le discours"