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  • AutorenbildWalter Gasperi

Laissez-moi

Mit einer großartigen Jeanne Balibar in der Hauptrolle zeichnet Maxime Rappaz in seinem Spielfilmdebüt ein einfühlsames Porträt einer zwischen Fürsorge für den behinderten Sohn und eigenen Sehnsüchten zerrissenen Frau.


Im Rücken erfasst die Kamera von Benoît Dervaux Claudine (Jeanne Balibar), wenn sie mit der Regionalbahn von ihrem Dorf im Unterwallis in die Berge fährt, über die mächtige Grande-Dixence-Staumauer geht und von dort mit der Seilbahn hinunter zu einem Hotel fährt.


Jeden Dienstag legt die Mutter eines fast erwachsenen, behinderten Sohnes (Pierre-Antoine Dubey) diesen Weg zurück und souverän arbeitet Maxime Rappaz in seinem Spielfilmdebüt mit diesen Wiederholungen und leichten Variationen.


Im Hotel erhält Claudine vom Rezeptionisten gegen entsprechendes Trinkgeld die Information, welche Männer allein da sind und bald abreisen werden. Selbstbewusst setzt sie sich an deren Tisch und fragt sie kurz über die Stadt aus, aus der sie kommen. Sie will dabei immer die Zügel in der Hand behalten, gibt nichts von sich selbst preis, kommt aber rasch zur Sache, wenn sie die Männer auffordert mit ihr aufs Zimmer zu gehen.


Man spürt in den freizügigen, aber gleichzeitig diskret inszenierten Sexszenen, wie Claudine die Berührungen und den Sex genießt, doch es wird bei dieser einmaligen und unverbindlichen Begegnung bleiben, denn an einer Beziehung scheint sie nicht interessiert.


So geht es von diesen nachmittäglichen Dates dann wieder ins Tal, wo sie ihren Sohn Baptiste bei einer Nachbarin abholt, die sich jeden Dienstag um ihn kümmert. Die anderen Tage der Woche kann sie selbst für ihn sorgen, denn sie arbeitet zuhause als Modeschneiderin. Mit ihren Entwürfen, vor allem mit einem Hochzeitskleid kann Rappaz dabei auch an seinen früheren Beruf in der Modebranche anknüpfen.


Aus dem Gleichgewicht kommt dieses sorgfältig gesplittete Leben aber, als sich Claudine in den am Staudamm arbeitenden deutschen Wissenschaftler Michael (Thomas Sarbacher) verliebt. Hin- und hergerissen ist sie, ob sie die Nähe zulassen oder die Beziehung abbrechen soll. Die mütterlichen Gefühle stehen im Kampf mit dem weiblichen Begehren und auch als sie eine Entscheidung fällt, ist diese nicht endgültig, denn bald brechen wieder die entgegengesetzten Gefühle durch.


Unaufgeregt und leise, aber in sorgfältiger Bildsprache zeichnet Rappaz dieses berührende Porträt einer Frau. Die enge, fast schon minimalistische Handlungsführung sorgt dabei für Dichte und ein eindrückliches Bild für die Einsamkeit und die unterdrückten Sehnsüchte der Protagonistin findet der Walliser Regisseur in der mächtigen Staumauer, die mehrfach dominant ins Bild gerückt wird. Gleichzeitig wird im Wechselspiel von Oben und Unten auch Claudines Doppelleben und das Spannungsfeld von weiblichem Begehren und Mutterliebe gespiegelt.


Etwas zu aufdringlich ist auf Dauer zwar die Klaviermusik von Antoine Bodson und auch Baptistes Begeisterung für Lady Diana, deren Tod gegen Ende für eine zeitliche Verankerung des ansonsten der Zeit enthobenen Films sorgt, wird überstrapaziert. Über solche kleinen Schwächen lassen aber Rappaz´ Gespür für den Erzählrhythmus und vor allem die großartige Jeanne Balibar, die in jeder Szene präsent ist, locker hinwegsehen.


Unaufdringlich, aber intensiv spielt die 55-jährige Französin diese alleinerziehende Mutter und vermittelt deren Liebe zu ihrem Sohn ebenso eindringlich wie ihre Einsamkeit und die unter der Oberfläche brodelnde Sehnsucht, die durch die unverbindlichen One-Night-Stands nur verdrängt wird. Spüren lässt sie dabei, wie ihr durch die Liebe zu Michael zunehmend bewusst wird, auf was sie verzichtet hat, indem sie ihr ganzes Leben in den Dienst ihres Sohnes gestellt hat.


Wie Claudine dabei ihr Leben zu überdenken und sich zu befreien beginnt, kann durchaus auch die Zuschauer:innen anregen, über das eigene, vielleicht auch in Alltagsroutinen erstarrte Leben zu reflektieren. Überzeugend ist dabei auch das Ende, wenn Rappaz offen lässt, in welche Richtung Claudines Weg gehen wird.

 

Laissez-moi Schweiz / Frankreich / Belgien 2023 Regie: Maxime Rappaz mit: Jeanne Balibar, Thomas Sarbacher, Pierre-Antoine Dubey, Véronique Mermoud, Adrien Savigny, Martin Reinartz, Alexia Hébrard, Marie Probst, Yvette Théraulaz Länge: 92 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Laissez-moi"



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