• Walter Gasperi

Lacci


Ein Mann trennt sich von Frau und Kindern aufgrund einer Affäre, kehrt dann aber zurück, doch die Gefüge Ehe und Familie haben dadurch Risse erhalten, die das ganze zukünftige Leben überschatten. – Getragen von einem starken Ensemble gelang Daniele Luchetti ein feinfühliges und differenziertes Familiendrama, das auf Wertungen und Schuldzuweisungen verzichtet.


Ins Neapel der frühen 1980er Jahre versetzt der Beginn von Daniele Luchettis Verfilmung von Domenico Starnones Kurzroman "Auf immer verbunden". Ausgelassen feiern Aldo (Luigi Lo Cascio) und Vanda (Alba Rohrwacher) mit ihren Kindern Anna und Sandro bei einer Faschingsfeier und kräftige Farben und warmes Licht evozieren eine Atmosphäre des Glücks. Gemeinsam sieht die Familie zu Hause fern, liebevoll badet Aldo seinen Sohn und liest den Kindern eine Gutenachtgeschichte vor.


Das familiäre Glück scheint perfekt. Doch als Aldo mit Vanda in der Küche sitzt, gesteht er ihr, dass er eine Affäre mit einer Kollegin vom Radiosender hat, bei dem er in Rom als Moderator arbeitet. Das Geständnis zieht Vanda förmlich den Boden unter den Füßen weg und wütend wirft sie ihren Mann aus der Wohnung. Wie schwer sie der Ehebruch und die Trennung treffen, zeigt sich, wenn sie bald darauf einen Selbstmordversuch begeht, oder auf der Straße physisch aggressiv gegenüber Aldos Geliebter wird. Und dennoch hofft sie stets, dass ihr Mann zur Familie zurückkehrt, denn es geht aus ihrer Sicht nicht nur um Liebe, sondern auch um Loyalität, sind sie mit der Ehe doch einen Pakt eingegangen.


Belastend ist die Trennung der Eltern aber auch und vor allem für den etwa sechsjährigen Sandro und die etwas ältere Anna. Weitgehend sind sie nun bei Vanda, doch immer wieder holt sie Aldo für einige Stunden oder Tage ab. Reserviert verhält sich aber speziell Anna gegenüber ihrem Vater.


Mit einem Schnitt überspringt Luchetti 30 Jahre. Längst sind Aldo und Vanda wieder zusammengekommen, doch die Wunden der Affäre und Trennung sind nie geheilt. Während Vanda stets an ihrem Mann herumnörgelt, nimmt er gelassen alles hin. Er scheint sich mit diesem Leben abgefunden zu haben. Ein Würfel, in dem er heimlich Fotos seiner einstigen Geliebten aufbewahrt, zeigt aber, dass er immer noch wehmütig dieser Vergangenheit nachtrauert.


In diese Gegenwart brechen immer wieder Erinnerungen an die Vergangenheit herein, an die Zeit der Trennung, das Glück mit seiner Geliebten, aber auch an die schwierige Beziehung zu den Kindern und die Rückkehr in die Familie. Die "Lacci", die "Schnürsenkel", des Titels verweisen dabei sowohl auf eine Szene, in denen Aldo seine Kinder das Schnüren der Schuhe lehrt als auch auf die familiären Bindungen, die einmal geschlossen immer bleiben, auch wenn die Familie im Grunde in Scherben liegt.


Großartig vermittelt Alba Rohrwacher den Schock Vandas über die Affäre Aldos, deren Wut und Schmerz, während Luigi Lo Cascio Aldo als ruhigen und besonnenen Mann spielt, der seiner Liebe nachgegeben hat, aber bald hin und hergerissen ist zwischen dieser neuen Liebe und seiner Familie. Stark sind aber auch Laura Morante und Silvio Orlando als gealtertes Paar. Man spürt, dass sie nur eine reine Zweckgemeinschaft bilden, alle Gefühle aber längst erloschen sind und statt Zärtlichkeiten Kränkungen das Zusammenleben bestimmen, bis auch dem beherrschten Aldo der Kragen platzt und seine Wut und angestauten Aggressionen endlich durchbrechen. Nicht um Liebe geht es folglich, sondern um das, was bleibt, wenn Menschen weiter zusammenleben, wenn die Liebe nicht mehr da ist.


Zu den Stärken von "Lacci" gehört zweifellos die Ausgewogenheit, mit der Luchetti auf dieses Paar blickt, kein Urteil fällt, sondern Einblick in beide Perspektiven bietet und teilweise dabei auch Szenen aus unterschiedlicher Perspektive wiederholt. Doch auch die Kinder kommen zu ihrem Recht. Wird schon in ihren kindlichen Blicken bewegend die Zerrissenheit zwischen Vater und Mutter und die Belastung durch die Auseinandersetzungen und die Trennung der Eltern berührend erfahrbar, so zeigt sich 30 Jahre später, wie sehr diese Erfahrungen sie geprägt haben.


Das Ergebnis ist ein ungeschöntes und aufwühlendes Familiendrama, das auch nicht mit einem versöhnlichen Ende aus dem Kino entlässt, aber mit seiner Ehrlichkeit nachwirkt.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Lacci"