• Walter Gasperi

La Vérité – Leben und lügen lassen


Die Familie ist das große Thema des japanischen Meisterregisseurs Hirokazu Kore-eda („Shoplifters“). Diesem bleibt er auch in seinem ersten außerhalb seiner Heimat und in einer ihm fremden Sprache gedrehten Film treu. Mit einer großartigen Catherine Deneuve in der Hauptrolle und Juliette Binoche an ihrer Seite erzählt Kore-eda leichthändig und mit feinem Witz von einer Mutter-Tochter-Beziehung.


Wenn die große Catherine Deneuve eine Schauspielerin spielt, schwingt nicht nur Selbstironie immer mit, sondern auch die Frage, wie viel von ihrer eigenen Persönlichkeit und ihrem Leben in dieser Rolle steckt. In einem wie ein Märchenschloss hinter Efeu gelegenen großen alten Haus, das freilich zweimal mit einem Gefängnis verglichen wird, hält diese Fabienne quasi Hof, wenn sie in der ersten Szene einem Journalisten ein Interview gibt und ihn dabei immer ihre Überlegenheit spüren lässt.


Soeben hat der 73-jährige Star seine Memoiren veröffentlicht, zu deren Präsentation ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche) mit ihrem amerikanischen Mann Hank (Ethan Hawke) und ihrer Tochter Charlotte (Clémentine Grenier) aus New York anreist. Ein Blick ins Buch ihrer Mutter lässt Lumir aber stocken, denn darin präsentiert sie sich als liebevolle Mutter, verschweigt ihren ersten Ehemann ebenso völlig wie Luc (Alain Libolt), der über Jahrzehnte ihr Assistent war.


Letzterer kündigt aufgrund dieser Demütigung, während Lumir ihre Mutter mit dieser Verfälschung der Wahrheit konfrontiert. Locker geht diese zunächst darüber hinweg, erklärt offen, dass die Schauspielerei für sie das Wichtigste im Leben war und immer noch sei. Über die Dreharbeiten an einem Science-Fiction-Film, in dem Fabienne die alternde Tochter einer Mutter spielt, die nur alle sieben Jahre einmal, ohne inzwischen gealtert zu sein, aus dem Weltall zurückkehrt, werden aber sowohl Fabienne als auch Lumir mit ihrer eigenen Geschichte und Beziehung konfrontiert und beginnen sie zu überdenken.


Gleichzeitig wird „La Vérité“ damit auch zu einer Reflexion über das Kino, über Schein und Realität und über das menschliche Altern einerseits und die ewige Jugend, die der Film quasi bewahrt und in dem für Fabienne eben gerade die Poesie Vorrang vor der Wahrheit hat.


Das klingt reichlich konstruiert, doch Kore-eda versteht es diese Geschichte, die er 2003 als Theaterstück schrieb, so leichthändig und unaufgeregt zu inszenieren, dass die Konstruktion nie stört, sondern der Film ganz organisch und rund dahinfließt. Mit gewohntem Feingefühl lotet der 57-jährige Japaner die Charaktere aus, deckt die Egozentrik von Fabienne auf, blickt aber gleichzeitig mit Empathie und Zartheit auf diese Diva.


Perfekt unterstützt wird er dabei von Catherine Deneuve, für die dieser Film eine große Bühne ist, auf der sie alle Register ihres Könnens ziehen kann. Wenn hier zentral auch von einer Kollegin und Freundin die Rede ist, die unter ungeklärten Umständen starb, nachdem sie Fabienne bei einer Rolle ausgebootet hat, kann man darin auch einen Reflex auf den frühen Tod von Deneuves älterer Schwester Françoise Dorléac sehen, die 1967 bei einem Autounfall ums Leben kam.


Kongenial ergänzt wird Deneuve von Juliette Binoche, die hier erstmals gemeinsam in einem Film spielen, während Ethan Hawke als des Französischen nicht mächtiger Ehemann zunehmend am Rand steht. So werden in diesem Kammerspiel, das beinahe ausschließlich im Haus und im Filmstudio bei den Dreharbeiten des Science-Fiction-Films spielt, zwar Lügen und Kränkungen aufgedeckt, dennoch bleibt der Ton von „La Vérité“ immer versöhnlich und zart.


Wesentlich trägt dazu auch die umwerfend natürlich spielende Clémentine Grenier als kleine Tochter Charlotte bei, die quasi als Außenstehende unbefangen und liebevoll mit ihrer von Lumir auch als Hexe bezeichneten Oma, aber auch mit ihrem Opa, der kurz auftaucht, umgehen kann.


Dass Kore-eda kein Französisch spricht und bei den Dreharbeiten nur über einen Dolmetscher mit seinem Team kommunizieren konnte, merkt man seinem 14. Spielfilm nie an. Jeder Ton stimmt in dieser von leisem Witz durchzogenen Komödie, keine Bruchstelle gibt es, gleichzeitig ist das aber bei aller thematischen Verwandtschaft zu den anderen Filmen Kore-edas auch ein durch und durch französischer Film.


Das liegt nicht nur an den beiden Stars Deneuve und Binoche, sondern auch am gehobenen Milieu, das „La Vérité“ doch von den geerdeten und lebensnahen japanischen Filmen des Meisterregisseurs unterscheidet. Von Ken Loach, den Kore-eda als sein Vorbild nennt, ist dieser Film ebenso weit entfernt wie von den großen Familiengeschichten Yazujiro Ozus, mit dem er immer wieder verglichen wird. In diesem völligen Aufgehen im französischen Kino ist dies letztlich auch ein Werk der Selbstentäußerung, die dazu führt, dass der Nachhall geringer bleibt als bei den in der alltäglichen Realität von japanischen (Klein)Bürgern oder Randgruppen verankerten Meisterwerken wie „Nobody Knows“, „Still Walking“ „Our Little Sister“ oder dem Palmen-Sieger „Shoplifters“.


Läuft derzeit im St. Galler Kinok und demnächst im Skino Schaan


Trailer zu "La Vérité - Leben und lügen lassen"