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  • AutorenbildWalter Gasperi

La Ligne


Eine 35-jährige Frau wird nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrer Mutter mit einem dreimonatigen Kontaktverbot belegt: Ursula Meier gelang ein kraftvoll-intensives und großartig gespieltes Familiendrama um eine toxische Beziehung bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Nähe.


Zu Antonio Vivaldis "Nisi Dominus" fliegen während des Vorspanns Blumen, CD und Schallplatten an eine Zimmerwand. Erst nach einem Schnitt sieht man, wer hier wirft: Rasend vor Wut versucht die 35-jährige Margaret (Stéphanie Blanchoud) ihre Mutter Christina (Valeria Bruni Tedeschi) zu ergreifen. Nur mit Mühe können sie zwei Männer zurückhalten. Auch die Zeitlupe kann die Szene nicht bändigen, sondern verdeutlicht vielmehr noch die Aggression Margarets.


Bald stehen sich die Frauen gegenüber. Wahrhaft schallend klatscht eine Ohrfeige an Christinas Wange und im Fallen schlägt ihr Kopf mit lautem Krachen auf der Tastatur eines Flügels auf. Das Musikinstrument als auch die Musik von Vivaldi verweisen auf die Musikerfamilie, denn einst hat die Mutter als Konzertpianistin dieses Stück auf Schallplatte aufgenommen. Auch Margaret ist Musikerin und ihre zwölfjährige Schwester Marion (Elli Spagnola), die Nachzüglerin der Familie, die die Auseinandersetzung geschockt mit Tränen in den Augen verfolgt, singt leidenschaftlich - vor allem Kirchenlieder.


Erst nach langem Kampf – und mit Ende des Vorspanns – gelingt es den beiden Männern, die inzwischen noch von einem dritten Mann unterstützt werden, Margaret im wahrsten Sinne des Wortes vor das Haus zu setzen: Sie steht nun in der verschneiten Wiese, getrennt durch die Glasfront vom Rest der Familie. Kurz wird nochmals die Tür geöffnet, um der Ausgeschlossenen und Verstoßenen einen Mantel zuzuwerfen.


Bis zur Gerichtsverhandlung belegt der Richter Margaret, die auch deutliche Schrammen und ein Cut an der Schläfe vom Kampf davontrug, mit einem dreimonatigen Kontaktverbot. Maximal auf 100 Meter darf sie sich in dieser Zeit dem Haus der Familie nähern.


So zieht Margaret, die offensichtlich auch schon autoaggressiv wurde, zu ihrem Ex-Freund (Benjamin Biolay), mit dem sie auch beruflich als Sängerin arbeitete. Wenig erfreut nimmt dieser sie aber in seiner Wohnung auf, denn auch diese Beziehung scheint am unkontrollierbaren Temperament Margarets zerbrochen zu sein.


Bald aber will sie wieder Kontakt zu ihrer Familie aufbauen, will sich erkundigen, wie es ihrer Mutter geht, deren Gehör beim Kampf geschädigt wurde. Auf der Straße stellt sie sich vors Auto der Familie, klettert aufs Auto, als die anderen sich nicht auf ein Gespräch einlassen wollen, muss dann aber doch unverrichteter Dinge abziehen.


In einem Parkhaus findet sie zwar einen neuen Job und ihr Ex-Freund vermittelt ihr einen Konzertauftritt, vor allem aber möchte Margaret die Beziehung zur Mutter wieder aufbauen. Eine Vermittlerrolle nimmt hier die kleine Marion ein, die im Abstand von 100 Metern eine blaue Linie um das Haus zieht. Hier treffen sich die beiden Schwestern immer wieder zum Gesangsunterricht. Während Margaret auf der einen Seite der Linie mit ihrer E-Gitarre steht und spielt, singt Marion dazu auf der anderen Seite der Linie.


Wie schon in "Home" (2009) und in "L´enfant d´en haut - Winterdiebt" (2012) erzählt die Westschweizerin Ursula Meier auch in "La Ligne", den sie dem 2021 verstorbenen französischen Schauspieler und Filmregisseur Jean-François Stévenin gewidmet hat, eine Familiengeschichte. Wie "L´enfant d´en haut" verankert sie auch "La Ligne" großartig in einer kalten winterlichen Landschaft und einem tristen Setting mit kahlem Feld und Erdhügel um das Haus, hässlichen Fertigteilhäusern, einem Kanal, Straßen, beengenden Alpengipfeln im Hintergrund und ständig passierenden Zügen.


Wie diese Züge kommen auch die Protagonist:innen in diesem Frauenfilm fast nie zur Ruhe, sind immer aufgewühlt von ihren Gefühlen. Im hektischen Schnitt, der dynamischen Kamera von Agnès Godard und den kurzen Dialogen wird die Aufgekratztheit, die Wut und die Aggression von Margaret immer wieder nach außen gekehrt. Perfekt korrespondiert so der energetisch-kraftvolle Stil mit ihrer psychischen Verfassung. Zur Ruhe kommen sowohl Mutter als auch Tochter nur bei der Musik, die beide auch verbindet.


Auf psychologische Erklärungen für das Verhalten der Charaktere verzichtet Meier weitgehend. Sie beschränkt sich ganz auf das Hier und Jetzt und die Schilderung der dysfunktionalen Familienverhältnisse. Als schwieriger Charakter erscheint dabei freilich auch die Mutter. Stets warf sie nämlich Margaret vor, dass sie wegen ihrer Geburt ihre Karriere als Solistin beenden musste. Wenig hält sie auch von ihrer Tochter als Musikerin, wirft ihr vor, ihr Talent verschwendet zu haben, während sie sich über ihre jüngere übergewichtige Tochter Marion und deren Erstkommunionkleid lustig macht.


Auch ihre wechselnden Liebhaber bis hin zu ihrer neuesten deutlich jüngeren Eroberung Hervé lassen einerseits auf einen labilen Charakter schließen, andererseits lässt sie im Umgang mit Hervé eine Leidenschaftlichkeit spüren, die Marion und die dritte Tochter Louise peinlich berührt.


Verstärkt wird die Bedrückung über die familiären Spannungen auch dadurch, dass sich die Handlung vor weihnachtlichem Hintergrund abspielt. Während dieses Fest mit Familie, Liebe und Versöhnung verbunden wird, herrschen hier heftige Konflikte. Doch Meier erzählt auch von einer langsamen Annäherung, bleibt aber auch mit dem Ende geschickt in der Schwebe und lässt für die Zukunft alles offen.


Nicht funktionieren würde dieses intensive und leidenschaftliche Familiendrama, das nie an Tempo und Wucht verliert, ohne ein herausragendes Ensemble. Mit vollem Körpereinsatz spielt so Stéphanie Blanchoud, die auch am Drehbuch mitschrieb, Margaret als eine Frau, die gerne ein liebevolles Verhältnis zu ihrer Mutter hätte, aber ihre Emotionen einfach nicht kontrollieren kann. Zerrissen wird sie förmlich vom Spannungsfeld von Wut auf der einen Seite und gleich darauf folgendem Bedauern und Sehnsucht nach Nähe.


Valeria Bruni Tedeschi lässt dagegen in jeder Szene spüren, dass sie nie darüber hinweg gekommen ist, dass ihre Künstlerkarriere durch die Geburt der Kinder beendet wurde. Zu berühren versteht aber auch Elli Spagnola als Marion, die diese toxische Familiensituation so sehr belastet, dass sie immer wieder zum Asthma-Spray greifen muss und die alles versucht und vor allem betet, um in der Beziehung zwischen Schwester und Mutter doch wieder eine Wende herbeizuführen.


La Ligne Schweiz / Frankreich / Belgien 2022 Regie: Ursula Meier mit: Stéphanie Blanchoud, Valeria Bruni Tedeschi, Elli Spagnolo, Dali Benssalah, India Hair, Benjamin Biolay, Eric Ruf Länge: 103 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan. - Ab Mai in den österreichischen und deutschen Kinos


Trailer zu "La Ligne"




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