• Walter Gasperi

La bonne épouse


Kochen und bügeln muss eine Ehefrau können und sich dem Ehemann immer brav unterordnen. Ende der 1960er Jahre kommt aber auch in der französischen Provinz Bewegung in dieses Frauenbild. Leichthändig und beschwingt erzählt Martin Provost, unterstützt von den drei großartigen Hauptdarstellerinnen Juliette Binoche, Noémie Lvovsky und Yolande Moreau, von diesem Aufbruch.


Radionachrichten berichten von Unruhen in Paris, doch in der im ländlichen Elsass gelegenen Hauswirtschaftsschule von Paulette Van der Beck (Juliette Binoche) ist im Herbst 1967 davon nicht viel zu spüren.


Die Zahl der Schülerinnen, die vorwiegend aus ärmeren Familien stammen und hier für die Ehe vorbereitet werden sollen, nimmt zwar ab, aber immer noch gelten die sieben traditionellen Grundsätze, die ihre Aufgabe und Rolle als zukünftige Ehefrau definieren: Kochen und Bügeln müssen sie natürlich können, finanzielle Angelegenheiten sollen sie gefälligst dem Mann überlassen, dem sie andererseits immer zur Verfügung stehen müssen, wenn er Lust auf Sex hat.


Etwas liberaler und aufmüpfiger als in früheren Jahren sind die Teenager freilich schon. Da will sich eine nicht mehr von den Eltern mit einem Mann, den sie nicht liebt, verheiraten lassen, eine andere gesteht ihre lesbischen Gefühle, und gespannt folgen sie der Aufklärungssendung im Radio, in der die Körperfeindlichkeit verurteilt wird und die Frauen aufgefordert werden ihren Körper selbst zu entdecken und spüren zu lernen.


Ganz ihrem Mann untergeordnet hat sich auch Paulette, die mit ihrer Schwester (Yolande Moreau) und der Nonne Marie-Therese (Noémie Lvovsky) die Schule leitet. Als Paulettes Mann, der sich stets um alles Finanzielle gekümmert hat, stirbt, muss sie feststellen, dass die Schule vor dem Bankrott steht.


Nicht nur Noémie Lvovsky ist in ihrer Klostertracht kaum wiederzuerkennen, auch Juliette Binoche wirkt in ihrer Steifheit und ihrem konservativen Auftreten fremd. Mit sichtlichem Vergnügen spielen nicht nur Lvovsky und Binoche, sondern bestens ergänzt werden sei auch von Yolande Moreau in der Rolle von Binoches Schwägerin.


Beglückend ist es zuzusehen, wie Paulette nach dem Tod ihres Mannes und der Begegnung mit einem Jugendfreund zunehmend aufblüht und sich befreit. Statt biederem Kleid trägt sie bald moderne Hose, statt dunklen Farbtönen kommt eine orange Bluse dazu, langsam sitzt sie auch sicherer hinter dem Steuer ihres Wagens, den vorher nur ihr Mann lenkte, und zunehmend stellt sich mit der neuen Liebe auch das Lachen ein. Und auch Moreaus verhärmte Schwägerin befreit sich zunehmend aus dem engen Rollenkorsett und präsentiert sich schließlich wie neu geboren.


Nicht als bittere Abrechnung mit der Unterdrückung der Frau hat Martin Provost, der schon mit dem Biopic über die naive Malerin Séraphine Louis ("Séraphine") weibliche Selbstfindung und erwachendes Selbstbewusstsein feierte, diese Geschichte inszeniert, sondern als in warme Farben getauchte, beschwingte Komödie. Lust- und liebevoll überzeichnet er nicht nur die Protagonistinnen, sondern auch das Internatsleben und erweckt mit liebevoller Ausstattung die Zeit zum Leben. Etwas wenig Profil gewinnen allerdings die Schülerinnen, die insgesamt doch auf bestimmte Typen reduziert werden.


Auch Situationskomik kommt hier nicht zu kurz, das Leid und der Schmerz, das das Patriarchat mit sich brachte, bleiben dagegen außen vor. Vorwerfen kann man "La bonne épouse" damit, dass hier ein ernstes Thema verharmlost wird, andererseits gelingt es Provost zumal im Finale eine Stimmung des Aufbruchs zu beschwören, die ansteckend wirkt.


Da tritt an die Stelle der biederen Uniformen der Schülerinnen bunte individuelle Kleidung und auch das scheinbar von der Welt und den gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit abgeschlossene Internat wird verlassen. Geschickt schließt Provost dabei den Bogen zum Anfang, wenn den sieben Grundsätzen für die Ausbildung von Frauen und der Steifheit in einer von allen Zwängen befreiten Musicalszene neue Prinzipien gegenübergestellt werden, in denen der Herrschaft der Männer eine Absage erteilt und die Selbstbestimmung der Frau auch über ihren Körper gefordert und gefeiert wird.

Läuft derzeit in den Schweizer Kinos. - z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan.


Trailer zu "La bonne epouse"