• Walter Gasperi

Krieg und Frieden (1965 - 1967)


432 Minuten Länge, vier Jahre Dreharbeiten, 12000 Statisten. – Sergei Bondartschuks 1965-1967 entstandene Verfilmung von Leo Tolstois berühmtem Roman ist ein Film der Superlative. Bei Bildstörung ist das spektakuläre Epos in brillanter Bild- und Tonqualität mit zahlreichen Extras auf DVD und Blu-ray erschienen.


Schon die 1956 entstandene US-Version von King Vidor bot mit opulenter Ausstattung und Starbesetzung wie Henry Fonda, Audrey Hepburn, Mel Ferrer und der beträchtlichen Länge von 208 Minuten großes Kino, das vor allem auf Schaueffekte setzte.


Dennoch wirkt diese Version im Vergleich zu Sergei Bondartschuks rund 10 Jahre später entstandener Verfilmung geradezu klein. Über sieben Jahre zog sich die Produktion hin, die zum 100. Jahrestag der Veröffentlichung von Tolstois Roman gedreht wurde, und alles wurde im Sowjetkino mobilisiert, um das zaristische Russland der Napoleonischen Zeit zum Leben zu erwecken.


Möglichst werkgetreu wollte Bondartschuk, der selbst Pierre Besuchow spielt, Tolstois Roman verfilmen, auf jedwede sowjetisch-marxistischen Tendenzen verzichtete er überraschenderweise.


In vier Teilen spannt sich der Bogen von der Schlacht von Austerlitz im Jahr 1805 bis zum Scheitern von Napoleons Russlandfeldzug 1812. Im Zentrum der Handlung stehen der Fürst Andrej Bolkonski, der in der russischen Armee dient, sein Freund Pierre Besuchow, der in der vornehmen Moskauer Gesellschaft nach seinem Lebensweg sucht, und die junge Natascha Rostowa, durch die Pierre nach einem schweren Schicksalsschlag neuen Lebensmut fasst.


Glanzvolle Ballszenen fehlen ebenso wenig wie eine Fuchsjagd oder eine intime Musik- und Tanzszene in einer ländlichen Holzhütte. Private Momente wechseln mit spektakulären Szenen der Schlacht von Austerlitz (1805) und vor allem der Schlacht bei Borodino (1812). Eindrücklich wird auch die Stimmung des in Flammen stehenden Moskaus und des Rückzugs der von Napoleon im Stich gelassenen französischen Armee beschworen.


Mit spektakulären Totalen (Kamera Anatoli Petriziki und Alexander Schelenkow) wird Überblick über die endlosen Schlachtfelder geboten oder in Parallelfahrt werden die vorwärts rückenden Reihen begleitet. Dynamische Kamerabewegungen, die die Leidenschaft und Lebensfreude beschwören, wechseln mit subjektiven Perspektiven der Protagonist*innen bis hin zu der eines Wolfs.


Dialoge werden ergänzt durch innere Monologe, die ins Seelenleben der Charaktere blicken lassen und ein Off-Erzähler vermittelt einen Überblick. Zu berauschenden Naturbildern sinnieren die Protagonist*innen über das Leben. Mit Splitscreen werden Figuren zusammengezurrt und mit Überblendungen werden einzelne Soldaten in die Masse der Truppen hineinkopiert.


Jede Szene strebt hier nach Größe und Überwältigung durch Ausstattung, Farbdramaturgie, Kameraarbeit und musikalische Untermalung. Kraft entwickelt dieser Monumentalfilm dabei ganz entscheidend auch dadurch, dass hier noch nichts digital erzeugt, sondern alles real ist – die Unmengen an Schauspieler*innen und Statist*innen ebenso wie die Bauten und die weiten Landschaften.


Mag man speziell bei den Schlachtszenen auch mehrfach das Gefühl haben, dass hier die ordnende Hand eines Regisseurs fehlt und es vor allem darum geht Massen und spektakuläre Schlachtfelder vorzuführen, so bietet dieser Film doch Schaugenuss im Übermaß. Auch international wurde diese Leistung mit Preisen wie dem Golden Globe und dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewürdigt.


An Sprachversionen bietet der bei Bildstörung in einem großartigen Mediabook auf vier DVD bzw. Blu-ray erschienene monumentale Film die russische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Herausragend wie gewohnt bei diesem Label sind auch die Extras, die auf einer vierten DVD/Blu-ray angeboten werden.


Neben Trailer und Kurzdokus über Leo Tolstoi und Sergei Bondartschuk gibt es hier ein 30- und ein 50-minütiges Making-of, Interviews mit dem Kameramann Anatoli Petrizik und dem Darsteller Wassilli Lanowoi sowie einen 100-minütigen Dokumentarfilm über den Regisseur Sergei Bondartschuk. Dazu kommt noch ein Booklet mit einem ausführlichen Essay der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Christine Engel über Tolstoi und seinen großen Roman.

Trailer zu "Krieg und Frieden"