• Walter Gasperi

Judas and the Black Messiah


Ende der 1960er Jahre war der charismatische Anführer der Black Panther Party von Chicago Fred Hampton dem FBI ein Dorn im Auge. Doch im Kleinkriminellen William O´Neal wurde ein Afroamerikaner gefunden, der als Informant die Gruppe um Hampton infiltrierte und ausspionierte. – Mit einem überragenden David Kaluuya, der für seine Verkörperung Hamptons den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, zeichnet Shaka King in seinem zweiten Kinofilm kraftvoll und atmosphärisch dicht die damaligen Ereignisse nach.


Am Beginn steht durch das enge Bildformat abgehobenes Archivmaterial: In einem TV-Interview von 1989 erzählt William O´Neal über seine Aktivität als FBI-Informant, ehe ebenfalls mit Found-Footage ein knapper Einblick in die Rassenkonflikte von 1968/69 und die Forderungen der Black Panther Party gegeben wird. Mit einem Schnitt springt Shaka King ins Breitwandformat und lässt Martin Sheen als FBI-Boss Edgar J. Hoover in einer Rede vor dieser revolutionären sozialistischen Bewegung warnen und sie als gefährlicher als die Sowjetunion und China darstellen.


Ein Szenenwechsel führt zum Afroamerikaner William O´Neal (Lakeith Stanfield), der sich als FBI-Mann ausgibt, um Leuten Autos zu klauen. Doch seine Täuschung fliegt auf, sodass er nicht nur von seinen Opfern verfolgt, sondern bald auch vom FBI verhaftet wird. Mehrjährige Haft droht ihm, doch als Alternative wird ihm angeboten als Informant zu arbeiten, die Black Panther Party zu infiltrieren, sich das Vertrauen des Chicagoer Anführers Fred Hampton (David Kaluuya) zu erschleichen und ihn auszuspionieren.


O´Neal erklärt sich bereit dazu, steigt bald sogar zum Sicherheitschefs Hamptons auf und spielt auch mit, als das FBI mit einer Verhaftung des charismatischen Aktivisten nicht mehr zufrieden ist, sondern dessen Tod will. Bis zur Bezahlung der Belohnung – und im Nachspann bis zu O´Neals Tod – spielt Shaka King die im Titel angedeuteten Parallelen zur biblischen Geschichte von Jesus und seines Verräters Judas durch. Zweifel an seinem Tun scheinen O´Neal kaum zu kommen, aber auch die Ziele des FBI scheinen ihm ziemlich egal zu sein. Weder scheint ihn der Kampf der Black Panther, deren Ziel die Beseitigung des rassistischen und kapitalistischen Gesellschaft ist, zu interessieren, noch scheint er Probleme mit den skrupellosen Methoden des FBI zu haben. Ihm scheint es einzig um seinen Kopf zu gehen. Interessiert blickt er zwar auf Hampton, doch wirklich Feuer scheint er für dessen Ideen nie zu fangen und dessen Schicksal scheint ihn letztlich wenig zu interessieren.


Die Undercover-Ermittlung des vom ebenfalls Oscar nominierten Lakeith Stanfield mit großer Zurückhaltung gespielten O´Neal, der nur eine Marionette des FBI ist, dient King als Hintergrund, um ein Bild der explosiven Stimmung der späten 1960er Jahre mit dem erbittertem Kampf des FBI gegen die Black Panther und ein Porträt Hamptons zu zeichnen. Überragend spielt David Kaluuya diesen Aktivisten, vermittelt vor allem in den Reden, die auch durch den genau getimten Wechsel zwischen Großaufnahmen und distanzierteren Einstellungen mitreißen, eindrücklich das Charisma des gerade mal 20-Jährigen. Wie er die Macht des Volkes beschwört, die größer ist als alle Waffen und den Glauben an die Revolution bei seiner Zuhörerschaft befeuert, bleibt haften.


King arbeitet aber auch heraus, dass Hampton dabei nicht in seiner Community blieb, sondern um der Bewegung mehr Schlagkraft zu verleihen auch erfolgreich versuchte die verschiedenen afroamerikanischen Gangs Chicagos, aber auch andere Minderheiten wie Puertoricaner und enttäuschte Arbeiter auf seine Seite zu ziehen und eine Regenbogen-Koalition zu bilden.


Viel wird so zwar geredet, doch tieferen Einblick in die politischen Verhältnisse bekommt man kaum, sondern im Zentrum steht die kraftvolle und realistische Nachzeichnung des Kampfes zwischen FBI und Black Panther um Hampton. Dynamisch wird, unterstützt von einem jazzigen Soundtrack, die Handlung vorangetrieben und dicht evoziert die Kamera von Sean Bobbitt mit schmutzigen Farben und ungeschönten Locations und Kostümen das Milieu und die Atmosphäre der Zeit.


In jeder Szene spürt man die Leidenschaft Kings und Kuluuyas und wütend macht "Judas and the Black Messiah" mit seiner Anprangerung der skrupellosen, jeder Rechtsstaatlichkeit widersprechenden Methoden des FBI. Kaum glauben kann man so eine Szene, in der gezeigt wird, wie das Hauptquartier der Black Panther in Brand gesteckt wird und die Ermordung Hamptons inszeniert King als eiskaltes Massaker, bei dem das FBI 99 Schüsse und die Black Panthers einen abfeuerten.


So sehr sich King freilich auf die Nachzeichnung der historischen Ereignisse konzentriert, so sehr verweist diese packende Geschichtsstunde freilich auch auf die Gegenwart mit weiterhin andauernden Diskriminierung von Afroamerikanern und rassistischer Polizeigewalt. Im Protest der Black Panther von damals schwingt so mit, dass sich auch heute im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer noch viel ändern muss.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B. im Skino in Schaan.


Trailer zu "Judas and the Black Messiah"