• Walter Gasperi

Johnny Handsome


Kann sich ein Mensch ändern oder bestimmen allein die Gene und die Kindheit sein Leben? Walter Hill verhandelte diese Frage 1989 in seinem immer noch sehr stylischen und coolen Neo-Noir. – Bei Koch Films ist die Genre-Perle in einem Mediabook auf DVD und Blu-ray erschienen.


In Zeitlupe sieht man John Sedley (Mickey Rourke) im French Quarter von New Orleans direkt auf die Kamera zugehen, die ihn von den anderen Passanten isoliert. Mit einer Großaufnahme seines im Stil von David Lynchs "The Elephantman" entstellten Gesichts endet diese erste Einstellung. Reiner Zynismus ist, dass alle ihn Johnny Handsome – den schönen Johnny – nennen. Von klein auf wurde er wegen seiner Deformation gemobbt, einzig in Mikey hat er einen Freund.


Für diesen plant Johnny einen Überfall auf ein Juweliergeschäft, doch dabei werden sie von ihren Partnern reingelegt: Mikey wird erschossen, Johnny landet im Gefängnis, wo ihm ein Arzt Operationen anbietet, die ihm nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch ein neues Leben und eine neue Identität verschaffen sollen. Doch wird Johnny nach Haftentlassung wirklich ein bürgerliches Leben mit der Angestellten Donna (Elizabeth MacGovern) beginnen oder wird er für den Tod seines Freundes an der Femme Fatale Sunny (Ellen Barkin) und ihrem Freund Rave Rache nehmen?


Aufs Archetypische hat Walter Hill in den 1970er und 1980er Jahren das klassische Genrekino mit Filmen wie "Driver" (1978), "Streets of Fire" (1984) oder "Extreme Prejudice – Ausgelöscht" (1987) reduziert und gerade damit zu neuem Leben erweckt. Gegensätze lässt er in dem auch in den Nebenrollen stark besetzten Film nicht nur mit Johnny und dem hinterhältigen Verbrecherpärchen Sunny und Rave aufeinandertreffen.


Antipoden, die für unterschiedliche Lebenskonzepte stehen, sind hier auch die geldgierige Gangsterbraut Sunny und die bürgerliche Donna sowie der Gefängnisarzt Fisher (Forest Whitaker) und der von Morgan Freeman gespielte Polizist Drones. Während nämlich der Arzt glaubt, dass Johnny mit dem neuen Gesicht einen anderen Weg im Leben einschlagen kann und wird, ist der Polizist überzeugt, dass er ein Verbrecher bleiben wird. Präformationstheorie trifft so auf Tabula rasa-Konzept.


Hill handelt dieses Thema freilich nicht trocken ab, sondern verpackt es in einen ebenso schnörkellosen wie düsteren Neo-Noir. Mit viel Übersicht inszeniert er zwei spektakuläre Überfälle, sorgt mit einem Gespür für dezent eingesetzte Neonfarben wie den pinken Handschuhen Sunnys oder schwarzem Lackleder für optischen Schick und Atmosphäre. Letztere wird auch durch die gewohnt großartige Gitarrenmusik von Ry Cooder verstärkt, die zudem die Handlung immer wieder akzentuiert.


Sicher führt Hill auch Johnny, der durch die Operation tatsächlich äußere Schönheit gewinnt und auch vom damaligen Sexsymbol Mickey Rourke gespielt wird, in eine Romanze mit Donna, deutet einen Ausweg aus der Verbrecherwelt an, doch am Ende darf freilich ein klassischer Showdown nicht fehlen.


An Sprachfassungen bietet die bei Koch Films in einem Mediabook mit zwei Blu-ray und einer DVD erschienene Genre-Perle die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben einer Bildergalerie und dem originalen Trailer auf der zweiten Blu-ray die deutsch untertitelte Dokumentation "Codes of Life", in der Walter Hill über "Johnny Handsome" spricht, sowie – ebenfalls deutsch untertitelte - Featurettes mit Drehbuchautor Ken Friedman, dem Nebendarsteller und Stunt-Koordinator Allan Graf und dem Make-up-Spezialisten Michael Westmore.

Trailer zu "Johnny Handsome"