• Walter Gasperi

Je suis Karl


Wie arbeiten heutige junge Rechtsradikale, wie treten sie auf, wie manipulieren sie? - Christian Schwochow bietet mit einer starken Luna Wedler in der Hauptrolle interessante Einblick, auch wenn der Film an einer einfach gestrickten, fernsehhaften Dramaturgie leidet.


Mit dem Titel nimmt Christian Schwochow den Slogan "Je suis Charlie" auf, mit dem 2015 Solidarität mit den Opfern eines islamistischen Anschlags auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo bekundet wurde. Karl (Jannis Niewoehner) ist in diesem Fall ein eloquenter junger Aktivist, der sich nach außen smart gibt und jeden Bezug zur rechtsradikalen Szene von sich weisen würde, aber hinter der Fassade radikale Ideen vertritt, Menschen geschickt manipuliert und keine Grenzen kennt, wenn es darum geht mit Aktionen Deutschland oder auch ganz Europa zu destabilisieren.


Am Beginn stehen aber glückliche Szenen, bei denen Handyaufnahmen für Unmittelbarkeit und Echtheit sorgen. Im Gegensatz zur später folgenden Ausgrenzung von Migranten zeigt Schwochow hier, wie das Ehepaar Baier einem jungen Afghanen bei der Flucht von Tschechien nach Deutschland hilft. Die Flüchtlingsströme auf den Straßen lassen die Szene auf 2015 datieren.


Offen bleibt, wie viel später die folgende Haupthandlung spielt. Eine heile Familie wird mit den Baiers präsentiert, die fast erwachsene Tochter Maxi (Luna Wedler) ist gerade aus Paris zurückgekehrt. Abrupt zerstört aber ein Bombenanschlag dieses Glück: Vater Baier (Milan Peschel) hat ein Paket für eine Nachbarin angenommen. Als er nochmals das Haus verlässt, detoniert die Bombe und unter anderem seine Frau und seine zwei kleinen Söhne kommen um, einzig er und Maxi überleben.


Während der Vater sich in sich zurückzieht, sieht man Maxi förmlich an, wie sich in ihr Wut aufbaut, wie sie migrantische junge Männer anders anschaut, denn hinter dem Anschlag werden Islamisten vermutet. Als sie vor Journalisten flüchtet, tritt ein junger Mann (Jannis Niewoehner) als ihr Beschützer auf, gibt sich freundlich und lädt sie zu einer Sommer-Akademie in Prag ein.


Reagiert Maxi zuerst zurückhaltend, nimmt sie die Einladung an, als sie es mit ihrem Vater nicht mehr aushält. Mit ihr als Trägerfigur führt Schwochow die Zuschauer*innen in die heutige rechtsradikale Szene, zeigt zwar plakativ, aber auch detailreich deren Strategien und manipulativen Techniken. Mit nah geführter beweglicher Kamera und dynamischem Schnitt wird man mitten in die Veranstaltungen und Konzerte versetzt, authentische Locations sorgen für atmosphärische Dichte.


Auf die Aufdeckung der wahren Hintergründe des Anschlags in einer Rückblende hätte man zwar verzichten können, aber davon abgesehen bietet "Je suis Karl" doch ebenso aufschlussreiche wie erschreckende Einsichten. Denn diese neuen Rechtsradikalen sind eben keine Glatzköpfe mit Bomberjacken, Schlagstöcken und Nazi-Insignien, sondern smarte junge Erwachsene. Scharf zurechtgewiesen wird ein Mitglied, als es bei einer Versammlung "Sieg Heil!" schreit, denn vom Nationalsozialismus will man sich nach außen klar distanzieren.


Hier geht es zunächst einmal darum mit jugendgemäßen Veranstaltungen die Neulinge für die Ideen zu gewinnen und dann sie zu manipulieren. In Videobotschaften werden Verbrechen erfunden, um Hass gegen Migrant*innen zu schüren, bei Konzerten treten Bands auf, die mit ihren Songtexten die rechten Ideen propagieren und auch sich selbst schonen diese Fanatiker nicht, wenn sie mit einer gefakten Tat die Bürger*innen aufrütteln und Europa destabilisieren können.


Inhaltlich gibt "Je suis Karl" damit einiges her, erzählerisch macht es sich Schwochow aber doch etwas zu einfach. Zu schulbuchmäßig wird doch ein Bild der heutigen rechtsradikalen Bewegung gezeichnet, überflüssig ist auch eine Liebesgeschichte zwischen Maxi und Karl und dass schließlich der Vater – zudem noch mit dem einst unterstützten Afghanen – Maxi die Augen öffnen und aus dem rechten Sumpf herausführen muss, wirkt auch sehr bemüht und lässt Maxi nicht gerade als selbstständige junge Frau erscheinen.


Andererseits gelingt es Schwochow durchaus dafür zu sensibilisieren, dass Rechtsradikalismus heute ein anderes Gesicht hat, dass er sich wie der Wolf im Schafspelz unter dem Deckmantel des Einsatzes für die Schwachen nicht am Rand, sondern im Zentrum der Gesellschaft, ausbreitet und gerade dadurch umso gefährlicher ist. Und nicht das letzte Verdienst Schwochows ist es, dass er mit temporeicher und jugendgemäßer Erzählweise mit diesem Film gerade auch Jugendliche und junge Erwachsene erreichen könnte.


Läuft in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan


Trailer zu "Je suis Karl"