• Walter Gasperi

Intrige - J´accuse


Die Dreyfus-Affäre, bei der Ende des 19. Jahrhunderts das aus Antisemitismus resultierende Fehlurteil gegen einen jüdischen Offizier eine Staatskrise auslöste, wurde sowohl literarisch als auch filmisch schon vielfach behandelt. Dennoch gelingt es Roman Polanski darüber nicht nur einen packenden, sondern auch einen aktuellen Film zu machen.


Es beginnt mit dem Insert 5. Januar 1895 und dem Ende einer Karriere: Langsam schwenkt die Kamera in einer Totalen über den Hof der Pariser Ècole militaire. In Reih und Glied stehen im Hintergrund die Soldaten. Der junge Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wird vorgeführt, seine Degradierung wegen Verrats militärischer Geheimnisse an das Deutsche Kaiserreich verkündet.


Schon mitten drin ist man in diesem Film, wenn Roman Polanski akribisch zeigt, wie bei dieser öffentlichen Demütigung Dreyfus die Knöpfe und Epauletten der Uniform abgerissen, das Schwert schließlich zerbrochen wird und der Beschuldigte schließlich quasi nackt dasteht. Gerade in der Nüchternheit der Schilderung entwickelt diese Szene eine Konzentriertheit und Dichte, die sich durch den ganzen Film zieht.


Zeuge dieser beruflichen und gesellschaftlichen Hinrichtung, die jenseits eines Eisenzauns eine johlende Menge bejubelt, ist auch Marie-Georges Piquart (Jean Dujardin), der Dreyfus´ Ausbildner an der Militärakademie war und beim Prozess als Beobachter fungierte. Offen bekennt er sich zu seinem Antisemitismus, zeigt aber auch in kurzen Rückblenden, dass er sich bei der Bewertung einer Person nicht von persönlichen Gefühlen leiten lässt. – Alles andere als ein strahlender Held ist dieser Offizier, aber gerade in seiner Ambivalenz eine interessante Figur.


Der Verurteilung von Dreyfus und dessen Deportation auf die Teufelsinsel vor Französisch-Guyana, auf der der einzige Gefangene ist und mit niemandem reden darf, steht Piquarts Aufstieg zum Chef des Geheimdiensts gegenüber.


Entsprechend Robert Harris´ 2013 erschienenem Roman „Intrige – An Officer and a Spy“ erzählt Polanski, der zusammen mit dem britischen Bestsellerautor auch das Drehbuch schrieb, aus Picquarts Perspektive. Schon mehrfach hat der polnische Oscar-Preisträger mit Harris zusammengearbeitet, wollte 2007 dessen Roman „Pompeji“ verfilmen, doch das Projekt scheiterte an einem zu hohen Budget, so dass er stattdessen ebenfalls nach einer Vorlage von Harris „The Ghost Writer“ drehte.


Wie Polanski in diesem Thriller indirekt auch seine damalige Haft in der Schweiz und seinen Hausarrest in Gstaad, aber auch die sich quer durch sein Werk ziehende traumatische Erinnerung an die Kindheit im Krakauer Ghetto spiegelte, so lassen sich auch in „J´accuse - Intrige“ Spuren biographischer Erfahrungen herauslesen, werden aber nie forciert.


So kann man in der Schilderung eines Fehlurteils und der öffentlichen Bloßstellung einen Reflex auf die mediale Ausschlachtung alter und neuer – nicht bewiesener – Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn sehen, während sich in der Ausgeliefertheit und Ohnmacht von Dreyfus gegenüber der Staatsmacht wiederum seine Kindheitserfahrungen spiegeln könnten.


Piquard jedenfalls stößt bei seinen Recherchen bald auf Unstimmigkeiten beim Prozess gegen Dreyfus, erkennt, dass ein anderer Offizier der wahre Verräter ist und meldet seine Erkenntnisse seinen Vorgesetzten. Während er sich aber angesichts der erwiesenen Unschuld von Dreyfus für eine Wiederaufnahme des Verfahrens einsetzt, erklären seine Vorgesetzten den Fall für abgeschlossen, verbieten ihm weiter zu ermitteln und gehen gegen ihn auch gerichtlich vor.


Erst als der Schriftsteller Émile Zola in seinem berühmten offenen Brief an den Präsidenten der Republik „J´accuse“ die Militärs angreift, kommt der Fall in Bewegung, aber auch der Antisemitismus der Bevölkerung bricht in Bücherverbrennungen und Vandalenakten, die an die nationalsozialistische Reichspogromnacht erinnern, offen durch.


Die Meisterschaft von Polanski und Harris besteht einerseits in der Verdichtung des 600-seitigen Romans auf einen 130-minütigen Film. Kein Gramm Fett gibt es hier, ebenso sachlich, wie präzise und mit großem Ernst wird erzählt. Große Dichte entwickelt „J´accuse – Intrige“ durch diese schnörkellos-kompakte Inszenierung und das zurückhaltende, aber intensive Spiel des hochkarätigen Ensembles.


Detailliert schildern Polanski, der im Stile Hitchcocks auch bei einem Konzert kurz im Film zu sehen ist, und Harris die akribische Ermittlungsarbeit und zeigen dabei auch, dass der Staat schon damals keine Skrupel hatte, das Privatleben der Menschen auszuspionieren. Statt Action stehen dabei Gespräche mit Mitarbeitern und Vorgesetzten im Zentrum.


Ein Kammerspiel ist dieser Polit- und Gerichtsthriller, verzichtet wird auf prunkvolle Ball- und Gesellschaftsszenen, die sonst oft Filme über das Fin de Siècle prägen. Vielmehr wird in den meist im Halbdunkel getauchten, sorgfältig ausgestatteten Büros und den von dunklem Blau und Grau bestimmten Uniformen, aus denen nur schmale rote Partien herausstechen, aber dicht die Stimmung der Zeit und die Macht des Militärs beschworen.


Bestechend ist auch der reduzierte Musikeinsatz, mit dem einzelne Momente kraftvoll akzentuiert werden, oder nur wenige Bilder von Dreyfus ´ Haft auf der Teufelsinsel, die schon durch die Reduktion auf Sepiatöne und Totalen der im endlosen Meer liegenden Insel die Härte und Isolation dieser Gefangenschaft intensiv spüren lassen.


Gleichzeitig ist „J´accuse – Intrige“ aber gerade im Verzicht auf jede Modernisierung, brennend aktuell. Packend warnt Polanski im historischen Gewand vor dem heute wieder grassierenden Antisemitismus und der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, zeigt eindringlich die Folgen von politischen Intrigen, Machtmissbrauch und Lügen auf, stellt diesem ähnlich wie Terrence Malick in „A Hidden Life“ das entschlossene Eintreten für eine Überzeugung und für Gerechtigkeit und nicht zuletzt die Macht der Medien gegenüber.


Läuft derzeit im Cinema Dornbirn und ab 13.2. in den Schweizer Kinos (Kinok St. Gallen)

Leinwandlounge in der Remise Bludenz: 15.4., 19 Uhr

Trailer zu "J´accuse - Intrige"