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  • AutorenbildWalter Gasperi

Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste


Margarethe von Trotta erzählt ausgehend von Ingeborg Bachmanns Ägypten- und Sudanreise im Jahr 1964 von der toxischen Beziehung der österreichischen Autorin und dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch: Großartig gespielt leidet der Film an einer fahrigen Dramaturgie und vielen – zumindest für mit dem Leben Ingeborg Bachmanns nicht vertraute Zuschauer:innen – in der Luft hängenden Szenen.


Margarethe von Trotta kann man wohl als DIE Spezialistin für Biopics über bedeutende deutsche Frauen bezeichnen. Nachdem sie mit "Die bleierne Zeit" (1981), in dem sie fiktionalisiert von den Geschwistern Christiane und Gudrun Ensslin erzählte, mit dem Goldenen Löwen von Venedig 1981 den internationalen Durchbruch geschafft hatte, widmete sie sich dem Leben von Rosa Luxemburg ("Rosa Luxemburg", 1986) ebenso wie dem von Hildegard von Bingen ("Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen", 2009) und dem von Hannah Arendt ("Hannah Arendt", 2012).


Wie vor allem beim Film über Hannah Arendt zeichnet von Trotta auch in "Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste", der pünktlich zum 50. Todestag der österreichischen Autorin (17. Oktober) in die Kinos kommt, nicht das ganze Leben Bachmanns nach, sondern fokussiert auf ihrer toxischen Beziehung zu Max Frisch (Ronald Zehrfeld).


Das Ende dieser Beziehung im März 1963 stürzte Ingeborg Bachmann (Vicky Krieps) in eine schwere Krise. Mit einem daran anschließenden Krankenhausaufenthalt setzt der Film ein. Auf Zeitinserts wird aber konsequent verzichtet, sodass die Zuschauer:innen die einzelnen Szenen selbst zeitlich einordnen müssen. Dass die Ägyptenreise mit dem österreichischen Schriftsteller und Filmemacher Adolf Opel (Tobias Resch) ein Jahr später stattfand, wird als bekannt vorausgesetzt.


Von dieser Hauptlinie aus, die außer in die für die damalige Zeit ungewöhnliche sexuelle Offenheit Bachmanns kaum weitere Einblicke in ihre Persönlichkeit bietet, rollt von Trotta in immer wieder abrupt hereinbrechenden und sich nur teilweise aus der Handlung ergebenden Rückblenden die Beziehung zu Frisch auf. Von der ersten Begegnung der Lyrikerin und des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers in Paris über den Umzug der Österreicherin zu Frisch nach Zürich und schließlich ihre Übersiedlung in ihre Lieblingsstadt Rom spannt sich in bruchstückhaften Szenen der Bogen.


Dazu kommen aber auch Rückblicke auf ihre Bekanntschaft mit einem Komponisten, bei dem vorausgesetzt wird, dass man weiß, dass es sich um Hans Werner Henze (Basil Eidenbenz) handelt, für den sie das Libretto zu "Der Prinz von Homburg" verfasste. Auch eine Rede, bei der sie einen Preis erhält, bei der ungewöhnlich viele Zuhörer:innen eine dunkle Brille tragen, kann nur in den Kontext eingeordnet werden, wenn man weiß, dass es sich um ihre Dankesrede für die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden im März 1959 in Bonn handelt.


Doch nicht nur diese Szenen hängen in der Luft. Nicht weiter entwickelt wird auch ihre Beziehung zum italienischen Dichter Giuseppe Ungaretti, dessen Gedichte sie übersetzte, oder eine Szene, in der ihr Kleid beim Anzünden einer Zigarette mit einer Kerze Feuer fängt. Einen Vorverweis auf ihren durch eine brennende Zigarette verursachten Tod am 17. Oktober 1973 in Rom kann man darin sehen, doch letztlich bringt die Szene sonst nichts.


Auch eine Lesung aus ihrem Roman "Das dreißigste Jahr" wird zumindest zunächst zusammenhangslos eingefügt und erst später in den Kontext mit der Begegnung von Max Frischs neuer Geliebter (Luna Wedler) gestellt, von der man aber nicht erfährt, dass es sich um seine zweite Ehefrau Marianne Oellers handelt.


So zerfleddert sich der Film in diesen Szenen, die sich nicht zu einem komplexen Bild Bachmanns fügen wollen, sondern zusammenhangslos in der Luft hängen. Stark ist "Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste" einzig in der Schilderung der Beziehung zu Max Frisch. Da vermittelt Vicky Krieps ebenso intensiv ihre Liebe zu dem Schweizer Autor wie auch immer wieder die Verzweiflung angesichts der Eifersucht und des dominanten Auftretens ihres Partners.


Hier brilliert auch Ronald Zehrfeld als Max Frisch, auch wenn er die berühmte Pfeife nicht in jeder Szene und auch an der Schreibmaschine im Mund haben müsste. Das konservative Frauenbild dieses Machos kommt ebenso zum Ausdruck, wenn er von Bachmann verlangt zu kochen oder den Abwasch zu machen wie seine Geltungssucht. Wie er bei jedem öffentlichen Auftritt im Zentrum stehen will und eifersüchtig reagiert, wenn man mit Bachmann ein Interview machen will, so löst auch ein Strauß rote Rosen, der nicht von ihm kommt, sofort Eifersucht aus.


Selbstherrlich beansprucht er für sich auch seine Partnerin tagsüber mit seinem Schreibmaschinengeklapper nerven zu dürfen, da er ja arbeite. Von ihrer Arbeit hält er dagegen offensichtlich nichts. Nachzuprüfen wäre, inwieweit dieses negative Bild Max Frischs durch den im Herbst 2022 veröffentlichen Briefwechsel von Frisch und Bachmann korrigiert wird. Von Trotta stand diese Quelle allerdings nicht zur Verfügung, denn der Suhrkamp Verlag verweigerte ihr einen Einblick vor der Publikation.


Spannend hätte "Ingeborg Bachmann", der auch in den Szenen der Ägypten- und Sudanreise nur dekorative Postkartenbilder bietet, aber inhaltlichen Tiefgang vermissen lässt, jedenfalls durch eine Fokussierung auf diese Beziehung werden können. Die dramaturgische Zerrissenheit und das Bemühen ein umfassenderes Bild Bachmanns zu zeichnen, führt aber zu einer Zerfaserung in Nebenszenen, durch die jede dramaturgische Linie verlorengeht und die Intensität der zentralen Beziehungsgeschichte torpediert und schwer beeinträchtigt wird.



Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste Schweiz / Österreich / Deutschland / Luxemburg 2022 Regie: Margarethe von Trotta mit: Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Resch, Basil Eidenbenz, Luna Wedler, Marc Limpach, Renato Carpentieri, Katharina Schmalenberg, Martin Vischer Länge: 111 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Metrokino Bregenz, Cinema Dornbirn und Kino GUK Feldkirch und ab 26.10. auch in den Schweizer Kinos.


Trailer zu "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste"


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