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Im Taxi mit Madeleine – Une belle course


Ein genervter Taxifahrer und seine 92-jährige Kundin: Langsam entwickelt sich ein Gespräch, bei dem sie jeweils Einblick ins Leben des anderen bieten. – Die 94-jährige Line Renaud und Dany Boon harmonieren wunderbar und Christian Carion findet über weite Strecken den richtigen, zwischen Gefühl und Humor changierenden Ton, doch kolportagehaft sind teilweise die Rückblenden und Kitsch bestimmt das Finale.


Die Nerven von Taxifahrer Charles (Dany Boon) liegen blank. Die Familie des Mittvierzigers braucht dringend Geld, doch seinen Bruder, mit dem er verstritten ist, will er nicht um Hilfe bitten. Gleichzeitig droht er nach mehreren Verkehrsstrafen bei einer weiteren Übertretung seinen Führerschein zu verlieren. Immerhin bietet ihm seine Chefin per Funk "une belle course" – eine schöne Fahrt - an: Er soll eine Dame quer durch Paris fahren.


Sichtlich beeindruckt ist er vom vorstädtischen Villenviertel, in dem er die Kundin abholen soll. Genervt klingelt er aber immer wieder, als die Dame noch nicht am Straßenrand steht, muss dann aber erkennen, dass sie mit ihrem Koffer schon auf der anderen Seite steht. Als Charles diese Madeleine (Line Renaud) auf 80 schätzt, erklärt sie ihm stolz, dass sie schon 92 sei.


Kaum zu stoppen ist die rüstige Greisin in ihrem Redefluss, erzählt zuerst, dass sie auf Druck der Ärzte in ein Altersheim übersiedle, und beginnt dann aus ihrem Leben zu erzählen. Hört Charles zunächst nur schweigend zu, beginnt er schließlich auf ihr Drängen doch auch aus seinem Leben und von seiner Familie zu erzählen.


Doch im Zentrum steht Madeleine. Die Taxiszenen gehen dabei in Rückblenden über, wenn sie über ihre große Liebe zu einem amerikanischen GI kurz vor Kriegsende oder von der Ehe zu einem gewalttätigen Franzosen in den 1950er Jahren erzählt. In diesen Rückblenden soll unübersehbar der heutigen Rolle der Frau deren rechtlose Stellung in den 1950er Jahren gegenübergestellt werden. In Kolportage gleitet der Film dabei aber in der holzschnittartigen Schilderung der toxischen Ehe ab.


Wesentlich überzeugender als diese Visualisierung der Vergangenheit sind die Szenen im Taxi. Das liegt vor allem an den beiden wunderbar harmonierenden HauptdarstellerInnen Dany Boon und der 94-jährigen Line Renaud, die schon in "Bienvenue chez les Ch´tis" und dessen Sequel an der Seite von Boon gespielt hat.


Aber auch Regisseur Christian Carions beweist in den Taxiszenen Geschick. Denn wie Alter und soziale Stellung das Duo trennt, so trennen sie auch Kamera und Schnitt. Charles sitzt vorne hinterm Steuer, Madeleine auf dem Rücksitz. Kaum einmal sieht man sie am Beginn gemeinsam im Bild, sondern in Großaufnahmen wird der Blick entweder auf den Fahrer oder auf seine Kundin gelenkt.


Erst als sich Charles öffnet, berührt ist vom Schicksal Madeleines und selbst zu erzählen und auch zu lachen beginnt, sieht man das Duo vermehrt gemeinsam im Bild. Wenn so die Fahrt wirklich für beide ebenso wie für die Zuschauer:innen zu einer "belle course" - zu einer schönen Fahrt - wird, sieht man sie gemeinsam am Straßenrand eine Zigarette rauchen oder ein Eis essen und schließlich auch nebeneinander auf dem Vordersitz sitzen.


Gleichzeitig geht es mit der Greisin, die ihr Leben Revue passieren lässt, natürlich auch um die Kürze des irdischen Daseins und ganz direkt ruft sie Charles – und damit auch dem Kinopublikum - immer wieder ein "Carpe diem!" zu.


Mit dem Gespür für den richtigen Ton, dem Wechsel zwischen gefühlvollen und witzigen Momenten berührt Carion die Zuschauer:innen und zaubert ihnen über weite Strecken ein Lächeln aufs Gesicht. Stimmungsvoll führt die Fahrt auch vom Tag in die Nacht und zum trefflichen Paris-Film wird "Im Taxi mit Madeleine", wenn die Szenen im Taxi immer wieder aufgebrochen werden durch Blicke auf die Stadt vom Eiffelturm und Arc de Triomphe über den Justizpalast und die Oper bis zum modernen Hochhausviertel La Défense mit dem Grande Arche.


Nicht zu übersehen ist freilich auch die Harmoniesucht Carions. Ecken und Kanten darf es hier keine geben, denn ein wohliges Gefühl soll verbreitet werden. In Kitsch gleitet diese Dramödie dabei spätestens im Finale ab. Beeindruckend ist aber doch, wie es dem 59-jährigen Franzose dabei gelingt, wirkungsvoll auf die Tränendrüsen zu drücken.


Im Taxi mit Madeleine – Une belle course Frankreich 2022 Regie: Christian Carion mit: Line Renaud, Dany Boon, Alice Isaaz, Jérémie Laheurte, Gwendoline Hamon, Julie Delarme, Hadriel Roure, Thomas Alden Länge: 91 min.



Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn. TaSKino Feldkirch im Kino Guk: 24. bis 26.5.


Trailer zu "Im Taxi mit Madeleine - Une belle course"


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