• Walter Gasperi

Ich bin dein Mensch


Eine kühle Anthropologin soll einen humanoiden Roboter als Partner testen, um bei der Ethikkommission eine Einschätzung solcher Lebensgemeinschaften abzugeben. Mit Maren Eggert und Dan Stevens in den Hauptrollen macht Maria Schrader aus dieser Ausgangssituation eine feinfühlige melancholische Komödie, die nach der condicio humana fragt.


In einem antiquierten Ballsaal wird der Anthropologin Alma (Maren Eggert) der blendend aussehende Tom (Dan Stevens) vorgestellt. Während im Hintergrund zu sanftem Jazz getanzt wird, klopft sie ihr Gegenüber mit Fragen zu Gott, dem Sinn des Lebens, zu seinem Lieblingsgedicht oder auch mit einer mathematischen Aufgabe ab. Mit beeindruckender Sicherheit weiß Tom auf die Fragen zu antworten und erweist sich auch als ausgesprochen höflich, auch wenn ein Kompliment wie "Deine Augen sind wie Bergseen, in denen ich versinken möchte" reichlich antiquiert ist. Auch auf der Tanzfläche erweist er sich als Könner, bis er plötzlich zu zucken beginnt und nur noch "Ich bin, ich bin" sagen kann.


Formuliert wird damit freilich schon die zentrale Frage, was denn der Mensch nun eigentlich ist und was ihn von Robotern unterscheidet. Immer wieder spricht Maria Schrader in ihrer Verfilmung einer Erzählung von Emma Braslavsky diese Frage an, bringt unterschiedlichste Punkte ins Spiel und dennoch bewahrt "Ich bin dein Mensch" seine Leichtigkeit.


Wunderbar prägnant ist der Auftakt inszeniert. Da sitzt jeder Schnitt und jeder Dialog und in wenigen Minuten wird viel erzählt. Tom jedenfalls muss nochmals in die Fabrik, wird neu programmiert und dann zu Alma zurückgeschickt. Rasch erklärt die kühle Wissenschaftlerin dem humanoiden Roboter, dass sie nicht auf eine Beziehung oder Liebe aus ist, sondern einzig zu Testzwecken ihn für drei Wochen aufnimmt, um dann der Ethikkommission eine Einschätzung solcher Lebensgemeinschaften zu geben. Im Gegenzug soll sie für ihr Forschungsprojekt zur sumerischen Keilschrift am Berliner Pergamon-Museum Fördergelder erhalten.


Tom ist nur dazu da, um sie glücklich zu machen, bereitet nicht nur das Frühstück zu, sondern ordnet auch in Windeseile das Bücherregal, putzt die Fenster, erwartet sie mit Sektglas und verstreuten Rosen im Badezimmer oder gibt ihr Tipps für die richtige Einstellung des Autositzes, um einen Unfall zu vermeiden. Alma ist das aber entschieden zu viel und ausgesprochen abweisend verhält sie sich am Beginn, bis Tom, der (fast) alles gelassen hinnimmt, bei ihr doch Gefühle weckt.


Perfekt vermittelt Schrader in ihrem auch mit seiner unaufdringlichen visuellen Eleganz punktenden dritten Spielfilm die Kälte in der Beziehung und die Nüchternheit Almas am Beginn durch die Ausstattung mit in Weiß und Blau getauchten, von klaren Linien bestimmten Bauten und Räumen. Ganz im Hier und Jetzt und nicht in der Zukunft spielt dieser Film und verzichtet auch auf Informationen zur Produktion der Humanoiden oder auf sonstige technische Gimmicks. Kein Zufall ist es auch, dass Alma Expertin für Alte Geschichte ist, lässt sich der Wunsch nach Schaffung eines künstlichen Menschen mit dem Mythos von Prometheus doch bis in die Antike zurückverfolgen.


Und als weiterer Aspekt kommt mit der Beschäftigung Almas mit der Vergangenheit die Geschichtlichkeit des Menschen ins Spiel, ebenso wie mit ihrem dementen Vater die Fähigkeit sich zu erinnern, aber auch das Altern. All das unterscheidet neben anderen Aspekten, die auch angesprochen werden, den Menschen ganz entscheidend von einer programmierten Maschine, auch wenn diese nach außen hin noch so menschlich aussieht und sich auch durchaus als lernfähig erweist.


Erst als die Gefühle ins Spiel kommen, verlässt der Film das kalte und sterile Berlin und entwickelt auch auf der visuellen Ebene mit einer schummrigen Kneipe oder einer Szene im Wald, in dem die Hirsche keine Scheu vor Tom zeigen, weil sie ihn nicht riechen können, Wärme.


Mit schönen Wendungen treibt Schrader die Handlung weiter und kann dabei auf ihre perfekt harmonierenden HauptdarstellerInnen bauen, die ein hinreißendes ungleiches Paar geben, das Erinnerungen an die amerikanischen Screwball-Komödien wecken kann. Da überzeugt auf der einen Seite Maren Eggert, die bei der heurigen virtuellen Berlinale mit dem Silbernen Bären für die Beste darstellerische Leistung ausgezeichnet wurde, als Anthropologin, deren Panzer langsam zerbröckelt, während Dan Stevens Tom mit wunderbarer Zurückhaltung und Stoizismus spielt.


Je mehr Gefühle ins Spiel kommen, desto melancholischer wird diese menschliche Komödie. Bruchlos gelingt Schrader diese Entwicklung und punktgenau trifft sie jeden Ton. Nie aufdringlich wird philosophiert und doch spricht "Ich bin dein Mensch" unterschiedlichste Punkte des Menschlichen an, stellt der heutigen Optimierungssucht und dem Streben nach permanenter sofortiger Befriedigung von Wünschen und Sehnsüchten, gerade auch die Defizite wie Egoismus und Wut oder unerfüllte Sehnsüchte als Charakteristika des Menschen dar.


Läuft derzeit in den Schweizer, österreichischen und deutschen Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino in Schaan Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: 8.7., 20 Uhr


Trailer zu "Ich bin dein Mensch"