• Walter Gasperi

I Care a Lot


Marla Grayson hat den Pflegebetrieb als großes Geschäft entdeckt, doch als sie eine scheinbar alleinstehende Frau in ein Heim einweisen lässt, setzt sie bald ein Krimineller unter Druck. – Rasante Erzählweise, überraschende Wendungen und eine groß aufspielende Rosamund Pike sorgen in J. Blakesons Netflix-Produktion für ein selten böses und höchst unterhaltsames Kinovergnügen.


Marla Grayson (Rosamunde Pike) stellt sich gleich selbst vor und präsentiert als Ich-Erzähler ihr zynisches Bild vom Menschen: Gut ist ihre Species aus ihrer Sicht nie und Fairness ist für sie nur eine Masche der Reichen, damit die Armen weiterhin arm bleiben. Für Marla ist klar, dass es nur Raubtiere und Beute, Löwen und Lämmer gibt. Außer Frage steht für die stets perfekt gestylte, toughe Blondine, dass sie eine Löwin ist und sich im Leben holt, was sie will: Armut kennt sie aus ihrer Kindheit, jetzt will sie Reichtum und Luxus.


Zum lukrativen Geschäft hat sie mit ihrer Geschäftspartnerin und Geliebten Fran (Eliza González) so ihr Unternehmen aufgebaut, bei dem sie die Vormundschaft für vorwiegend alleinstehende Senior*innen anbietet. Wie sie selbst betont und der Filmtitel verspricht besteht ihre Arbeit darin sich zu kümmern – weniger allerdings um die Senior*innen als vielmehr um deren Vermögen, aus dem sie sich nicht nur für ihre überhöhten Honorare großzügig selbst bedient.


Ihr guter Ruf und gute Kontakte sorgen dabei dafür, dass der Richter ohne Vorladung der betroffenen Senior*innen die von einer befreundeten Ärztin vorgeschlagene Einweisung in ein Seniorenheim und die Übertragung der Vormundschaft auf Marla absegnet. Da mag ein Sohn auch auf sein Recht, seine Mutter zu besuchen pochen, der Richter lehnt den Antrag auf Drängen Marlas ab.


Auch bei der Leitung der Seniorenheime findet sie Unterstützung, zahlt sie doch aus dem Vermögen ihrer Klient*innen gut für die Zimmer und legt auch einiges drauf, um den Zuschlag vor anderen zu erhalten. Die Lücke, die durch den Tod einer von Marla betreuten Person entsteht, kann rasch mit einer vermögenden Dame (Dianne Wiest) geschlossen werden. Die Seniorin selbst mag sich wohlauf fühlen, doch das Attest der Ärztin sorgt dafür, dass sie auf Gerichtsbeschluss zwangsweise in ein Heim eingewiesen wird, das sich bald als Gefängnis entpuppt, in dem ihr jeder Kontakt zur Außenwelt verwehrt bleibt.


Sofort machen sich Marla und ihre Geliebte dran, Haus und Inventar der Frau zu verkaufen und stoßen auch auf ein gut gefülltes Schließfach. Doch bald tritt hier ein zwar kleinwüchsiger, aber cholerischer und auch vor brutaler Gewalt nicht zurückschreckender Mann (Peter Dinklage) auf, der Nachforschungen über den Verbleib der alten Dame anstellen lässt und mit seinen Killern die beiden Betrügerinnen mächtig unter Druck setzt. Doch klein beigeben will Marla keineswegs, denn fest ist sie davon überzeugt, dass man es in den USA nur mit Mut, Entschlossenheit und harter Arbeit zu etwas bringt.


Alles andere als sympathisch sind diese Protagonist*innen, aber der Schwung, mit dem der Brite J. Blakeson seine Geschichte erzählt, und seine Lust an schwarzem Humor und bösem Witz sowie natürlich die groß aufspielenden Rosamund Pike und Peter Dinklage sorgen für beste Unterhaltung. Pike und Dinklage sind das Kraftzentrum dieses Films, ihr Katz- und Mausspiel bringt "I Care a Lot" zum Funkeln. Große Kunst ist es schon, solche unsympathischen Figuren so zu spielen, dass das Publikum ihnen gespannt und mit großem Vergnügen folgt.


Dieser Spaß resultiert aber auch daraus, dass für einmal nicht political correctness angesagt ist, sondern Pike / Dinklage es sichtlich genießen, böse sein zu dürfen und Blakeson ebenso lustvoll bissig auf die US-Gesellschaft blickt und mit dem American Dream und der Ausbeutung der Schwachen abrechnet, ohne dabei je in Sentimentalität oder Moralisieren zu verfallen.


Mit Montagesequenzen, in denen allein mit präziser Bildsprache und ohne Worte viel erzählt wird, wird die Handlung ebenso rasant vorangetrieben wie mit geschliffenen, scharfzüngigen Dialogen. Keinen Leerlauf gibt es hier, sondern ein Rädchen greift bei dieser perfekt getakteten Kinomaschine ins andere und originelle Wendungen öffnen immer wieder neue Handlungswege. Denn scheint Marla zunächst gegen den kleinen, aber scheinbar übermächtigen Gegner keine Chance zu haben, so entwickelt sich bald ein Schlagabtausch auf Augenhöhe, denn diese Löwin ist eben auch mit allen Wassern gewaschen.


Da mag "I Care a Lot" gegen Ende auch an Schwung und Biss verlieren und sich in gewohntere Bahnen entwickeln, so setzt eine besonders zynische Wendung kurz vor Schluss der Kapitalismuskritik dann doch noch eins drauf, während mit dem Ende dann allerdings wieder zumindest teilweise das Hollywoodschema von der Bestrafung der Bösen bedient wird.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos - z.B. im Skino in Schaan


Trailer zu "I Care a Lot"