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  • AutorenbildWalter Gasperi

How to Blow Up a Pipeline


Eine Gruppe junger Klimaaktivist:innen beschließt, nicht mehr nur zu debattieren und zu demonstrieren, sondern mit der Sprengung einer texanischen Pipeline einerseits die Ölindustrie in Angst zu versetzen, andererseits die Bevölkerung aufzurütteln. – Ein ebenso packender wie engagierter und wütender Thriller, der ganz auf Seite der Protagonist:innen steht.


Wenn die Handkamera der jungen Xochitl (Ariela Barer) hautnah im Rücken folgt, wenn sie die Reifen eines SUV aufsticht und ein Flugblatt mit einer Begründung für ihre Aktion zurücklässt, ist man schon mitten drin in Daniel Goldhabers Thriller.


Inspirieren ließ sich Goldhaber zu seinem zweiten Spielfilm vom Sachbuch "How to Blow Up a Pipeline - Wie man eine Pipeline in die Luft jagt" des schwedischen Ökologen Andreas Malm. Darin vertritt der Autor die Meinung, dass angesichts mangelnder Reaktionen der Regierungen und Konzerne auf die Klimakrise durch den Angriff auf Infrastruktur und die Zerstörung von Eigentum massiver Druck aufgebaut werden müsse, um eine Veränderung voranzutreiben. Harmlos sind freilich die Aktionen der teils heftig kritisierten Klimakleber oder Angriffe auf Kunstwerke im Vergleich zu dem, was die acht Aktivist:innen des Films planen.


Die treibende Musik von Gavin Brivik sorgt von Beginn an für Spannung. Kurze Meldungen von einer Flutkatastrophe in Pakistan und der Flüchtlingskrise vermitteln schlaglichtartig ein Bild von der globalen Krise, während bruchstückhaft weitere junge Menschen vorgestellt werden, die sich bald in West-Texas treffen werden. Dort wollen sie eine Pipeline sprengen, um dadurch einerseits die Ölkonzerne in Angst zu versetzen und andererseits die Bevölkerung durch die zu erwartende dramatische Ölpreiserhöhung aufzurütteln.


Auf der Haupthandlungslinie zeichnet Goldhaber im Stil eines Heist-Movies Planung und Durchführung dieses Anschlags nach. Jede/r der Aktivist:innen hat spezielle Fähigkeiten und ist für eine Aufgabe zuständig: Der eine kennt sich mit Sprengstoffen aus, der andere ist mit den Örtlichkeiten vertraut und weiß, wo die besten Stellen für den Anschlag sind.


Die vorwärtsdrängende Haupthandlung wird dabei immer durch Rückblenden unterbrochen, die Hintergrundinformationen zu den acht Aktivist:innen liefern. In klassischer Cliffhanger-Manier setzen diese durch Inserts eingeleiteten Szenen immer gerade mitten in einer dramatischen Situation ein, unterbrechen diese und schieben deren Lösung auf. Spannend bleibt dadurch der Film, andererseits wirkt das Muster auf Dauer auch etwas schematisch.


Mit diesen Rückblenden wird in die unterschiedliche Motivationen Einblick geboten, denn der Bogen der Akteure spannt sich von Student:innen, die vom mangelnden Erfolg von Demonstrationen frustriert sind, über eine durch den Abfall einer Ölraffinerie schwer erkrankte junge Frau bis zu einem jungen Familienvater, dessen Land zwecks Baus einer Pipeline beschlagnahmt wurde.


Auch ethnisch soll mit zwei AfroamerikanerInnen und einem Indigenen neben den weißen Mitstreiter:innen ein möglichst breites Feld abgedeckt werden, während mit der Herkunft der Aktivist:innen aus Chicago ebenso wie aus Nord Dakota, Los Angeles, Portland / Oregon und Texas keine spezielle Region, sondern die ganze USA angesprochen werden soll.


Etwas holzschnittartig bleiben zwar angesichts der doch beachtlichen Zahl von acht Protagonist:innen die Figurenzeichnung sowie die Skizzierung ihres persönlichen Backgrounds. Ein breites Spektrum zu bieten ist Goldhaber sichtlich wichtiger als differenzierte Schilderung, doch dank der dichten Erzählweise hält er die Spannung durchgängig hoch.


Zu verdanken ist das auch den unverbrauchten, jungen Schauspieler:innen, die ebenso für Realismus sorgen, wie die ungeschönt schmutzigen Bilder des auf körnigem 16mm-Film gedrehten Thrillers (Kamera: Tehilla de Castro). In seinem Realismus und seinem Engagement erinnert "How to Blow Up a Pipeline" dabei an New Hollywood-Filme der 1970er Jahre oder frühe Produktionen des Participant Studios wie Steven Gaghans "Syriana" (2005) oder Niki Caros "North Country" (2005). Weil konsequent aus der Perspektive der Aktivist:innen erzählt wird, ist auch immer klar, auf welcher Seite dieser wütende Film steht, der von der erst 2020 gegründeten Firma Spacemaker produziert wurde.


Da wird zwar diskutiert, wie weit man bei den Aktionen gehen darf, doch Gewalt gegen Sachen erscheint angesichts der Erfolglosigkeit anderer Methoden unbestritten als legitimes Mittel. Für den Staat mögen sie damit als Terroristen gelten, doch sollten sie erfolgreich sein wären sie Revolutionäre und Helden.


Besonders tief gehen die Diskussionen freilich nicht, denn hier soll ja auch packendes Kino für ein großes Publikum geboten werden. Das gelingt Goldhaber nicht zuletzt dank der ausführlichen Szenen, in denen die Bomben hergestellt und schließlich platziert werden. Fast immer generieren solche Sprengstoffszenen schweißtreibende Spannung, denn nie weiß man ja, ob die Bombe nicht im nächsten Moment hochgeht.


So folgt man der Handlung gespannt bis zum Ende und auch eine überraschende Schlusswendung fehlt nicht, mit der der Aktion nicht nur Nachdruck verliehen wird, sondern die schließlich auch Nachahmer zu weiteren Anschlägen auf Besitztümer der Oberschicht anregt. Gleichzeitig sollen freilich auch die Zuschauer:innen dieses entschieden agitatorischen Films nicht nur aufgerüttelt, sondern auch motiviert werden, aktiv zu werden. - Diesen Aufruf zu Sabotageakten kann man problematisch finden, doch andererseits muss man einen Film, der zu aktuellen Problemen entschieden Position bezieht und zum Nachdenken anregt auf jeden Fall begrüßen.


How to Blow Up a Pipeline USA 2022 Regie: Daniel Goldhaber mit: Ariela Barer, Kristine Froseth, Lukas Gage, Forrest Goodluck, Sasha Lane, Jayme Lawson, Marcus Scribner, Jake Weary Länge: 104 min.



Trailer zu "How to Blow Up a Pipeline"


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