• Walter Gasperi

Hors normes - Alles außer gewöhnlich


Autisten stellen hohe Anforderungen an Betreuer und Umwelt. – Kein leichter Stoff ist das, doch die „Ziemlich beste Freunde“-Regisseure Éric Toledano und Olivier Nakache machen daraus eine ebenso leichthändige wie feinfühlige und optimistische Tragikomödie, die Betreuern wie Patienten auf Augenhöhe begegnet.


Wenn harte metallene Musik zu den Vorspanntiteln mit Bildern der gehetzten Flucht einer rothaarigen jungen Frau durch eine belebte Fußgängerzone abwechseln, ist man schon mitten drin im neuen Film von Éric Toledano und Olivier Nakache: Nach dem Welterfolg mit „Ziemlich beste Freunde“, der Migrantengeschichte „Heute bin ich Samba“ und dem Hochzeitsfilm „Das Leben ist ein Fest“ fokussiert das Regieduo nun auf zwei Betreuern, die sich in Organisationen, die offiziell nicht anerkannt sind, um Autisten kümmern, die von allen offiziellen Stellen abgewiesen wurden.


Mit dynamischer Kamera und schnellem Schnitt übertragen Toledano / Nakache die Anspannung, den Stress und die Belastung Brunos (Vincent Cassel) und Maliks (Reda Kateb), die in unterschiedlichen Organisationen arbeiten, aber auch immer wieder zusammenspannen, direkt auf den Zuschauer. Nie kommen sie zur Ruhe, immer sind sie unterwegs und im Einsatz für ihre Schützlinge. Auch beim Date, das die Mitarbeiter dem alleinstehenden Bruno vermitteln, kann das Abendessen nicht genossen werden, denn entweder wird er durch das Handy gestört oder von einem Mitarbeiter, der Hilfe braucht, im Restaurant aufgesucht. Ein Privatleben scheinen Bruno und Malik nicht zu haben, erst ganz am Ende sieht man sie kurz in ihren Wohnungen.


Konfessionelle und ethnische Unterschiede spielen hier keine Rolle, der Einsatz für die Autisten scheint alle gesellschaftlichen Gegensätze wegzuwischen. Bestens verstehen sich der Jude Bruno und der praktizierende Moslem Malik, zu ihren Teams gehören gebürtige Franzosen ebenso wie Schwarz- und Nordafrikaner.


Dreh- und Angelpunkt dieser Tragikomödie sind diese beiden Betreuer, um sie versammeln Toledano / Nakache aber einerseits ein Team von Mitarbeitern, andererseits die autistischen Schützlinge. Bei den Mitarbeitern fungiert der junge Afrikaner Dylan, der neu in das Team gekommen ist, als Identifikationsfigur des Zuschauers. Mit ihm bekommt man Einblick in die Schwierigkeiten im Umgang mit den Autisten, gleichzeitig wird Dylan aber auch als junger orientierungsloser Mann gezeichnet, der hier langsam eine Aufgabe findet.


Präzise werden daneben aber auch ebenso bewegende, wie von Witz durchzogene Porträts der Autisten gezeichnet. Die durch die Stadt rennende Frau des Beginns rückt dabei rasch in den Hintergrund, ins Zentrum treten Joseph, der immer wieder in der Metro die Notbremse zieht und für den Bruno eine Arbeitsplatz zu finden versucht, und der etwa 13-jährige Valentin, der nicht nur gegen andere aggressiv ist, sondern auch gegen sich selbst, sodass er einen Schutzhelm tragen muss.


So weckt „Hors normes – Alles außer gewöhnlich“, dessen Titel sowohl für die Betreuer als auch für deren Schützlinge zutrifft, Verständnis für Autisten, setzt aber auch den Betreuern mit ihrem unermüdlichen Einsatz und ihrer scheinbar grenzenlosen Hoffnung ein Denkmal.


Auf langen Erfahrungen konnten Toledano / Nakache dabei aufbauen, denn schon 1994 bekamen sie als Betreuer in einem Ferienlager Einblick in das Leben von Autisten und drehten schon Ende der 1990er Jahre einen Imagefilm für Stéphane Benhamou und dessen Verein „La silence des justes“. Dabei lernten sie auch den jungen Betreuer David Tautou kennen. Vor vier Jahren drehte das Duo dann den halbstündigen Dokumentarfilm „Man müsste einen Spielfilm daraus machen“ über Benhamou und Tautou, die schließlich als Vorbild für die Figuren von Bruno und Malik dienten.


Mit dem Blick auf den Alltag von Betreuern und Autisten werden aber auch noch zwei Beamten des Sozialamts verknüpft, die nicht unbedingt positiv gegenüber diesen ohne offizielle Genehmigung arbeitenden Vereinen eingestellt sind. Dabei wird „Hors normes – Alles außer gewöhnlich“ zum entschiedenen Plädoyer für Menschlichkeit und den Einsatz für die Hilfsbedürftigen und gegen eine Bürokratie, die nur nach Regeln agiert, diese Autisten aber durch den Rost fallen lässt und abschiebt, da Personal und Zeit für die Betreuung fehlen.


Schwere Themen verhandeln Toledano / Nakache in ihrem Film, dennoch gelingt es ihnen daraus eine leichthändige Tragikomödie zu machen, die gleichwohl die Realität nie verharmlost. Ganz auf der Betreuungssituation fokussiert der Film, spart das Privatleben und Nebengeschichten konsequent aus. Ungeschönt und frei von jeder Sentimentalität ist die Erzählweise, vermittelt teilweise beklemmend die Weltwahrnehmung der Autisten und dennoch ist dies ein optimistischer Film.


Zu verdanken ist das zu einem wesentlichen Teil auch den beiden Hauptdarstellern Reda Kateb und Vincent Cassel. Vor allem Cassel strahlt immer Zuversicht aus und ein „geht nicht“ gibt es für ihn nicht, sondern immer heißt es „Wir werden eine Lösung finden“ oder „Wir sind nah dran“. Da schließt sich dann am Ende auch der Bogen zum Anfang, wenn Joseph wieder die Metro nimmt und die Betreuer an der Endstation bangend darauf hoffen, dass ihr Schützling dieses Mal nicht die Notbremse zieht.


Kein billiges Happy End gibt es hier, aber leichte – oder auch große - Fortschritte werden sowohl bei Joseph als auch bei Valentin sichtbar. Erledigt ist die Aufgabe damit freilich nicht, sondern der Einsatz und das Bemühen werden weitergehen müssen.


Läuft derzeit in den Schweizer und Deutschen Kinos. - Ab 25. Dezember in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Hors normes - Alles außer gewöhnlich"