H wie Habicht - H Is for Hawk
- Walter Gasperi

- 26. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Eine britische Universitätsdozentin stürzt durch den plötzlichen Tod ihres geliebten Vaters in tiefe Trauer. Um dem Verstorbenen nahe zu sein, legt sie sich einen Habicht zu, verliert dabei aber zunehmend den Bezug zu ihrer Umwelt: Claire Foy brilliert in Philippa Lowthorpes feinfühliger Verfilmung von Helen Macdonalds autobiographischem Bestseller.
Schon in der ersten Szene, in der die Universitätsdozentin Helen Macdonald (Claire Foy) mit dem Fernrohr den Flug eines Habichts beobachtet, spürt man die Begeisterung der Britin für diese Raubvögel sowie im folgenden Telefonat die innige Beziehung zu ihrem Vater (Brendan Gleeson), der sie die Liebe zur Natur gelehrt hat.
Doch dann ist der renommierte Fotojournalist Alisdair Macdonald von einem Moment auf den anderen tot. Eindrücklich vermittelt Claire Foy die Erschütterung von Helen, die an der Uni von Cambridge unterrichtet und die Chance auf ein Stipendium am Max-Planck-Institut in Berlin hat.
Immer wieder brechen Erinnerungen an Erlebnisse mit dem Vater herein und Monate vergehen, doch die Trauer bleibt. Schließlich legt sie sich ein Habichtweibchen zu, gerade weil sie weiß, dass dieser Vogel äußerst schwer zu zähmen ist.
Viel Zeit lässt sich Philippa Lowthorpe ("Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution", 2020), die gemeinsam mit der irischen Autorin Emma Donoghue auch für die Adaption von Helen Macdonalds 2014 erschienenem autobiographischen Bestseller verantwortlich zeichnet, für die detailreiche Schilderung dieser Zähmung und Abrichtung. Im genauen Blick und der Ausführlichkeit, mit der Einblick in die Schwierigkeiten geboten werden, wenn das Tier zunächst nicht fressen will, langsam an die Umwelt und schließlich an die Jagd in der Natur gewöhnt werden muss, spürt man Lowthorpes Herkunft vom Dokumentarfilm.
Intensiv vermittelt die 64-jährige Regisseurin bei einem Stadtspaziergang mit verstärkten Verkehrs- und Alltagsgeräuschen die hochempfindliche Wahrnehmung des Raubvogels und beschwört in Nahaufnahmen auch immer wieder eindringlich die Pracht dieses majestätischen Tiers. Nichts von der Süßlichkeit klassischer Mensch-Tier-Filme wie "Lassie" oder "Flipper" hat "H Is for Hawk" dabei aber, denn durchgehend lässt der Film auch die Gefährlichkeit dieses Tiers spüren und feiert mit fliegender Kamera mitreißend die ebenso präzise wie tödliche Jagd des Habichts auf Kleintiere wie einen Hasen.
An Ken Loachs Klassiker "Kes" erinnert "H Is for Hawk" dabei in der Schilderung der Beziehung eines Menschen zu einem Raubvogel. Doch während dort ein einsamer 15-Jähriger durch die Freundschaft zu einem Falken Selbstbewusstsein entwickelt, zieht sich hier die Protagonistin in ihrer Fokussierung immer mehr von den Menschen und der Welt zurück und wird gewissermaßen selbst zu einem seltsamen Vogel.
Konsequent aus der Perspektive Helens erzählt Lowthorpe so auch und macht deren wachsende Vereinsamung erfahrbar, wenn die junge Frau bei einer Uni-Veranstaltung bald allein mit ihrem Habicht im Raum steht, ihren Beruf immer mehr vernachlässigt und wenn sie ihrer Freundin Christina (Denis Gough) und ihrer Familie kaum mehr die Tür ihrer zunehmend verwahrlosten Wohnung öffnet. Gleichzeitig wird die Bedeutung von Freundschaft und Familie gefeiert, wenn diese wenigen Bezugspersonen trotz der Zurückweisung immer wieder versuchen, Helen aus ihrer Krise herauszuziehen.
Ihr Habicht kann ihr dabei zwar nicht helfen, aber über dessen Jagdtrieb kann sie sich intensiv mit dem Tod auseinandersetzen und lernt langsam vom Vater Abschied zu nehmen. Wie sie dem Vogel zunehmend mehr Freiraum lässt, so befreit sie sich auch langsam von der Trauer. Doch nie wird "H wie Habicht" dabei sentimental, sondern bewahrt auch durch die ungeschönten Naturbilder der Kamerafrau Charlotte Bruss Christensen eine Rauheit und Härte, die wiederum mit der Schwere der Trauer korrespondieren, die selbst als wildes Tier erscheint, das schwer zu zähmen und bändigen ist.
Unterstützt von der stimmungsvollen Musik von Emilie Levienaise-Farrouch erzählt Lowthorpe unaufdringlich, aber feinfühlig diese ungewöhnliche Geschichte. Vertrauen kann sie dabei auch auf eine großartige Claire Foy, die in jeder Szene präsent ist. Mehr als mit Worten lässt sie mit Blicken und Gesten nicht nur spüren, wie die Trauer Helen aus der Bahn wirft, sondern auch wie die Beziehung zum Habicht von der ersten Begegnung beim Kauf an sukzessive intensiver wird.
H wie Habicht – H Is for Hawk
Großbritannien / USA / Singapur 2025
Regie: Philippa Lowthorpe
mit: Claire Foy, Brendan Gleeson, Sam Spruell, Josh Dylan, Eden Hamilton, Denise Gough
Länge: 119 min.
Läuft derzeit in den Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn (aber starke Lärmbelästigung, wenn "Die Odyssee" gleichzeitig im darunterliegenden Saal 1 läuft) und Kinok St. Gallen.
Trailer zu "H wie Habicht - H Is for Hawk"




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