• Walter Gasperi

Ghosts - Hayaletler


In verschachtelten Episoden zeichnet Azar Deniz Okyay ein ebenso bedrückendes wie vielschichtiges Porträt des heutigen Istanbuls. - Ein auch formal beeindruckendes Regiedebüt, auch wenn Okyay insgesamt etwas zu viel hineinpackt.


Bevor die ersten Bilder einsetzen, berichten Nachrichten von einem Stromausfall, der Istanbul in ein Chaos gestürzt und zu Plünderungen und Gewalt geführt hat. Unmittelbar darauf folgt aber eine Werbung, in der die Immobilienfirma "Neue Türkei" einzigartige Wohnungen anpreist und ein glückliches Leben in Luxus verspricht. Das Spannungsfeld, von dem Azar Deniz Okyay in ihrem mehrfach preisgekrönten Spielfilmdebüt erzählt, ist damit schon angerissen. Denn während einerseits der Stromausfall unübersehbar Metapher für die Finsternis ist, in die eine repressive Politik das Land stürzt, steht die Immobilienfirma für die Gentrifizierung und die Geschäftemacher, die von den neuen Verhältnissen profitieren.


Verlierer sind zunächst einmal Frauen, wie die Müllfahrerin Iffet (Nalan Kurucim), die verzweifelt versucht Geld für ihren unschuldig im Gefängnis sitzenden Sohn aufzutreiben, damit er sich von gewalttätigen Übergriffen seiner Mitinsassen freikaufen kann. Aber auch die junge Didem (Dilayda Gunes) muss schauen, wie sie sich durchschlägt, als sie ihren Job als Zimmermädchen in einem Hotel verliert. Sie träumt zwar von einer Karriere als Tänzerin, doch wenn sie mit ihren Freundinnen auf den Straßen probt, müssen sie damit rechnen als Huren beschimpft zu werden.


Nicht nur durch einen kreisenden Polizeihubschrauber, sondern auch durch Streifenpolizisten evoziert Okyay eine Atmosphäre der Unsicherheit und Beklemmung. Mutig stellt sich die feministische Künstlerin Ela (Beril Kayar) mit Straßenaktionen gegen die Staatsgewalt, während der schmierige Rasid (Emrah Özdemir) nicht nur mit Drogen dealt, sondern auch an syrische Flüchtlinge zu überhöhten Preisen Wohnungen vermietet oder für eine Immobilienfirma baufällige, aber denkmalgeschützte Häuser nachts illegal zum Einsturz bringt, damit sie abgerissen und Neubauten errichtet werden können.


Im Stil von Robert Altmans "Short Cuts" verknüpft Okyay, die ihren Film ihrer Mutter gewidmet hat, diese vier Personen und zeichnet mit ihren Geschichten mosaikartig ein vielschichtiges Bild des heutigen Istanbuls und der Türkei des Recep Tayyip Erdoğan. Hautnah ist die Debütantin mit dynamischer Handkamera immer an ihren Figuren dran, folgt ihnen durch die heruntergekommenen Viertel und die dunklen Gassen. Nicht die Sehenswürdigkeiten der Bosporus-Metropole bekommt man zu sehen, sondern die Schattenseiten dieser Millionenstadt.


Die Erzählweise bleibt dabei sehr fragmentiert und auch auf eine Chronologie verzichtet Okyay, sondern setzt vielmehr mit einer Szene ein, zu der der Film erst gegen Ende wieder zurückkehrt, nachdem er zuvor mehrere Stunden zurückgesprungen ist. Wirklich nahe kommt man den Figuren angesichts dieser fragmentierten Erzählweise nicht und wie Szenen mehrfach aus unterschiedlicher Perspektive wiederholt werden, wirkt auch etwas holprig, doch andererseits gelingt es gerade mit diesem Perspektivenwechsel dicht die Zerrissenheit der Türkei zu vermitteln, Einblick in die Diskriminierung der Frau, wachsende Staatsgewalt und Flüchtlingsleben im Untergrund zu bieten.


Da stehen dem Streben der jugendlichen Didem nach einem befreiten Leben die zunehmende gesellschaftliche Einengung mit strengen Verhaltens- und Kleidungsregeln gegenüber, während Iffet als Frau in dieser Männergesellschaft kaum eine Chance hat. In ihrer Not muss sie schließlich einen Kurierdienst für einen Drogendealer annehmen, während Didem und ihre Freundinnen nur im Geheimen feiern, ihrer Tanzleidenschaft nachgehen und das Leben genießen können.


Und doch gibt es in diesem Film, der mit der Bewegung vom Tag in die Nacht nicht nur dunkler, sondern auch geisterhafter wird, zumal am Ende auch einen Moment der Befreiung und des Glücks: Völlig in sich versunken tanzt hier Didem durch eine nächtliche Straße und wie ein Stern in dunkler Nacht ist ihr Handy die einzige Lichtquelle.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen


Trailer zu "Ghosts - Hayletler"