Gentle Monster


Das Leben einer französischen Konzertpianistin wird schwer erschüttert, als ihr Mann wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie verhaftet wird: Mit einer großartigen Léa Seydoux in der Hauptrolle zeichnet Marie Kreutzer nüchtern ein vielschichtiges Porträt der Protagonistin, die ihr Bild von ihrem geliebten Mann überdenken und Konsequenzen ziehen muss.
Zum Vorspann probt die französische Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) immer wieder den Song "Would I Lie to You?" des amerikanischen Duos Charles & Eddie und Marie Kreutzer gibt damit schon Lüge und Täuschung, Vertrauen und Verdrängung einer bedrückenden Wahrheit als zentrale Themen vor.
Lucy lebt mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem sechsjährigen Sohn Johnny (Malo Blanchet) im beschaulichen ländlichen Bayern. Nach einem schweren Burn-out Philips, der früher wenig erfolgreiche Dokumentarfilme drehte und nun fürs Fernsehen arbeitet, haben sie ein sanierungsbedürftiges Haus gekauft, und nach einer belastenden Vergangenheit scheint das Glück nun ungetrübt.
Doch eines Tages steht die Kriminalpolizistin Elsa (Jella Haase) mit ihrem Team vor der Haustür, präsentiert einen Durchsuchungsbeschluss und konfisziert Philips Laptop und Handy. Während Philip sofort weiß, worum es geht, und diesen Moment vielleicht sogar schon erwartet hat, ist Lucy völlig verstört. Erst als sie zur Polizei geht und im Lift neben dem Knopf für die entsprechende Etage "Kinderpornografie und sexualisierte Gewalt" steht, muss sie sich den Tatsachen stellen.
Dennoch versucht sie einerseits das Ganze als Irrtum abzutun, denn ihre Liebe kann sie ja nicht mit einem Knopfdruck abschalten, andererseits fragt sie sich, wie sie nie etwas bemerken konnte, und zudem wächst die Angst, dass Philip auch den gemeinsamen Sohn missbraucht hat.
Unweigerlich weckt das Thema Erinnerungen an den Fall Florian Teichmeister, der in Kreutzers letztem Film "Corsage" (2022) Kaiser Franz-Joseph spielte. Teichtmeister wurde bekanntlich wenige Monate nach Veröffentlichung des Films wegen Besitzes von Fotos und Videos, die sexuellen Missbrauch an Kindern zeigen, angeklagt und im September 2023 zu zwei Jahren bedingter Freiheitsstrafe verurteilt.
Kreutzer betont aber im Presseheft, dass sie schon 2020 eine Reportage in "Die Zeit" über eine polizeiliche Ermittlung gegen einen Ring von Pädokriminellen so stark aufwühlte, dass sie begann, zu diesem Thema zu recherchieren. Als der Fall Teichtmeister publik wurde, war das Treatment schon fertig und dem ersten Gefühl "Gentle Monster" jetzt nicht mehr machen zu können, stand bald die Entscheidung gegenüber, den Film gerade jetzt machen zu müssen.
Den Täter spart die 49-jährige Österreicherin aber ebenso weitgehend aus wie den Sohn. Der Fokus liegt in ihrem fünften Spielfilm, der durch den fließenden Wechsel zwischen Deutsch, Englisch und Französisch Atmosphäre und Authentizität entwickelt, ganz auf der von Léa Seydoux großartig gespielten Lucy.
Konsequent wird auch auf übermäßige Emotionalisierung verzichtet, sondern die vielfach distanziert-beobachtenden Einstellungen von Kamerafrau Judith Kaufmann, die die Zuschauer:innen nicht involvieren, sowie der sehr reduzierte Einsatz extradiegetischer Filmmusik sorgen für einen nüchternen Erzählton. Kühl, aber präzise wird so herausgearbeitet, wie Lucy langsam lernen muss, sich den Tatsachen zu stellen, ihr Bild von Philip zu überdenken und sich von ihm zu distanzieren.
Geschickt weitet Kreutzer dabei beiläufig das Bild vom Einzelfall, wenn die Polizei kurz bei der Familie eines weiteren Grundschülers ermittelt, die in einem eleganten Reihenhaus wohnt und von der Direktorin als nette Familie beschrieben wird. Zu viel packt sie aber in ihren Film, wenn sie die Geschichte Lucys mit einer Parallelhandlung um die Ermittlerin Elsa verbindet.
Kontrastiert werden diese beiden Frauen schon über die Musik, wenn Lucy beruflich von Männern geschriebene Popsongs über die Liebe singt, die sie mit ihrer weiblichen Perspektive in Frage stellen will, und Elsa bei ihren Autofahrten aggressiven feministischen Rap hört. Wie Lucy schaut aber auch Elsa lieber weg, wenn ihr dementer Vater sich sexuell übergriffig gegenüber seiner osteuropäischen Pflegerin verhält. Statt die Tat scharf zu kritisieren, versucht sie vielmehr die Pflegerin mit Geld dazu zu bewegen, nicht abzureisen und weiter den Vater zu betreuen.
Erweitert wird durch diese Handlungsebene zwar das Thema von sexueller Gewalt von Männern gegenüber Schwächeren wie Kindern oder der Pflegerin und die Rolle der Macht gewinnt an Gewicht, doch gleichzeitig verliert "Gentle Monster" dadurch an Lebendigkeit und entwickelt sich in die Nähe eines kühlen Konstrukts, in dem ein Thema abgehandelt wird.
Gentle Monster
Österreich / Frankreich / Deutschland 2026
Regie: Marie Kreutzer
mit: Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Catherine Deneuve, Sylvester Groth, Sami Loris, Rainer Doppler
Länge: 114 min.
Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen Kinos, z.B. im Cinema Dornbirn und im Kino GUK in Feldkirch.
Trailer zu "Gentle Monster"




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