• Walter Gasperi

Frau Stern


Als einzige ihrer Familie hat die 90-jährige Jüdin Frau Stern den Holocaust überlebt, doch jetzt möchte sie sterben. – Das einfühlsame Spiel von Ahuva Sommerfeld sowie die unaufgeregte, aber empathische Erzählweise und der geduldige Blick machen Anatol Schusters tragikomischen Spielfilm zu einer bewegenden Charakterstudie.


Bevor man etwas sieht, hört man jemanden atmen. Mit einer Frontalaufnahme einer alten Frau, bekommt man zu diesem Atem ein Gesicht. Gefasst und entschlossen erklärt sie, dass sie selbst über ihr Ende entscheiden und jetzt sterben wolle. Im Gegenschnitt kommt der Arzt von Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) ins Bild, der ihr erklärt, dass sie doch körperlich fit sei, das Rauchen freilich einschränken sollte.


Letzteres kommt für die Holocaust-Überlebende aber nicht in Frage. Bei jeder Gelegenheit steckt sie sich eine Zigarette an oder raucht auch mit ihrer Enkelin einen Joint. Vom Arzt mit ihrem Wunsch allein gelassen und erfolglos beim Versuch eine Knarre zu organisieren, will sich Frau Stern bald vor den Zug legen, bald in der Badewanne ertränken, doch immer wieder wird sie gerettet.


Mit Gleichaltrigen sieht man die rüstige 90-Jährige kaum, denn diese Deutschen wären ja die Mörder ihrer Familie. Viel lieber verbringt sie ihre Zeit mit einem jungen Friseur, der in ihre Wohnung kommt, um ihre Haare zu schneiden, oder ihrer Enkelin. So lernt sie auch deren Freunde kennen, mit denen sie ein ausgelassenes Fest feiert, einen Karaoke-Abend in einer schummrigen Bar verbringt oder eine Theateraufführung besucht.


Sogar in die Fernsehsendung ihres Lieblingsmoderators, in der die Gäste von Sternstunden ihres Lebens erzählen, bringt sie diese Enkelin, doch ihr Wunsch nach einem schnellen Abgang wird auch dort nicht erfüllt. Vielmehr quittiert sie die Ausführungen des Moderators mit der Bemerkung „So ein Schwachsinn“ und verlässt noch während der Live-Sendung das Studio.


Nach Komödie mag die Skizzierung des Inhalts klingen, doch wunderbar lakonisch folgt Anatol Schuster seiner Protagonistin. Ähnlich wie das österreichische Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel in ihren Filmen dramatisiert Schuster nicht. Fast dokumentarisch wirkt die Erzählweise, der 34-jährige Regisseur beschränkt sich auf Alltägliches und erweckt durch den geduldigen und genauen Blick auf die greise Protagonistin Anteilnahme.


Schuster presst seine Frau Stern nicht in eine Handlung hinein, sondern lässt der 80-jährigen Ahuva Sommerfeld, die viel Autobiographisches in den Film einbringt, jede Menge Zeit und Raum. So glaubt man eben nicht einer Kinogeschichte zu folgen, wenn Frau Stern ein Foto aus der Kindheit oder Hochzeitsbilder betrachtet, sondern dem Leben zuzuschauen, während gleichzeitig mit anderen Episoden das Fiktionale und gezielt Inszenierte in den Vordergrund tritt.


Schmunzeln lässt nicht nur, wie plötzlich der TV-Moderator vor ihrer Wohnung steht, sondern mehr noch wie Frau Stern ein Einbrecherpärchen locker vertreibt und dabei sogar zu einer Knarre kommt, die sie nun aber doch nicht einsetzt, oder wie sie ihre Tochter nach einem Ladendiebstahl vom Polizeiposten abholen muss.


Eine berührende tragikomische Charakterstudie, die auch davon lebt, dass sie atmosphärisch dicht im Berliner Milieu verankert ist, ist Schuster so gelungen. Es ist ein Film, der vom Alter, Einsamkeit und vom nahen Ende erzählt und auch an die Barbarei der Nazis erinnert, die Frau Stern zusammen mit ihrem Mann geschworen hat zwar zu verzeihen, aber nie zu vergessen.


Gleichzeitig ist dieser Film aber auch von jugendlicher Lebensfreude durchzogen. Wie sich nämlich Fiktion und scheinbar Dokumentarisches ganz selbstverständlich vermischen, so stehen sich hier auch Jugend und Alter nicht gegenüber, sondern die Jugendlichen sind für die alte Dame gerade eine Gesellschaft, die ihre Lebensfreude zumindest zeitweise wieder weckt. – Weitgehend abwesend bleibt dagegen die Generation der über 30-Jährigen.


Nicht funktionieren würde so eine Charakterstudie aber ohne die richtige Hauptdarstellerin. Ein Glücksfall für „Frau Stern“ ist zweifelsohne Ahuva Sommerfeld, die hier erstmals vor der Kamera stand und kurz nach der Filmpremiere starb. Sie spielt diese deutsche Jüdin, die nach dem Zweiten Weltkrieg zehn Jahre in Israel lebte und dann aus Liebe zu ihrem Mann nach Deutschland zurückkehrte, eben nicht, sondern lebt sie.


Läuft ab 20.9. in den österreichischen Kinos (Vorarlberg: Cinema Dornbirn)


Trailer zu "Frau Stern"