Folichonneries
- Walter Gasperi

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Ein Paar beschließt nach 16 gemeinsamen Jahren seiner Beziehung durch Öffnung für sexuelle Abenteuer neuen Schwung zu verleihen: Getragen von zwei blendend harmonierenden Hauptdarsteller:innen und spritzigen Dialogen, erzählt Eric K. Boulianne mit großer Offenheit und viel Witz von neuer Lust und Lebensfreude durch die Entdeckung bislang unbekannter Begierden.
Schon die erste Szene stimmt auf die erfrischende Offenheit und Unverblümtheit des Langfilmdebüts des renommierten frankokanadischen Drehbuchautors Eric K. Boulianne ein: Während die Kamera von François Messier-Rheault in einer mehrminütigen statischen Einstellung auf François (Eric K. Boulianne) und Julie (Catherine Chabot) fokussiert, erzählt ihnen ein unsichtbar bleibendes jüngeres Paar detailreich von seinen sexuellen Praktiken, von Hygienefragen beim Oralsex und seiner offenen Beziehung.
Interessiert hören François und Julie, die seit 16 Jahren ein Paar sind und zwei Töchter im Grundschulalter haben, zu, sagen selbst aber nur wenig. Sie behaupten zwar glücklich zu sein, müssen aber doch zugeben, dass ihre Beziehung quasi auf Autopilot läuft, in Routine erstarrt ist und Lust und Leidenschaft sich verflüchtigt haben.
Auch vor ihren Töchtern Lili (Simone Bellemare-Ledoux) und Louise (Agathe Ledoux) können sie ihre Krise nicht verbergen. Zu den schönsten Szenen des Films zählt so, wie die beiden Mädchen ihre Eltern immer wieder mitleidlos-kühl durchschauen. Sie merken nämlich genau, dass die Stimmung beim Abendessen eben nicht chillig, sondern angespannt ist, decken Selbsttäuschungen und Lebenslügen unbarmherzig auf und sorgen auch für einen Konflikt mit der Lehrerin, wenn Louise in der Schule mit einem Tafelbild die verwickelten polyamourösen Beziehungen ihrer Eltern graphisch darstellt.
Im Zentrum stehen aber die Folgen der sexuellen Öffnung auf die Beziehung des Paares. In sechs Kapiteln zeichnet Boulianne nach, wie François und Julie zwar außereheliche Abenteuer suchen, durch die ihre Lust wieder geweckt werden soll, aber ihre eigene Beziehung dadurch keinesfalls gefährden wollen. Doch auf die anfängliche Unsicherheit und Unbeholfenheit bei einem Treffen mit einem anderen Paar in einem Hotelzimmer folgen bald Eifersüchteleien, da sich bei diesen Experimenten bald Julie, bald François ausgeschlossen fühlt.
Zunehmend driften sie auseinander, wenn nach zunächst gemeinsamen Treffen mit Fremden, bald jeder seine eigenen Abenteuer sucht. Auch ein heftiger verbaler Schlagabtausch bleibt nicht aus. Doch mit der Entdeckung und dem offenen Ausleben bislang unbekannter Begierden stellt sich einerseits wieder die Lust ein, andererseits ermöglicht die Akzeptanz der Sehnsüchte des anderen auch neue Beziehungskonstellationen abseits der Heteronormativität.
Bewusst einfach und konzentriert auf François und Julie hat Boulianne seine fest im Alltag verankerte Komödie inszeniert. Man spürt seine Erfahrung als Drehbuchautor nicht nur im stringenten Aufbau, sondern auch in den treffsicheren Dialogen, die mit ihrem sprühenden Witz an klassische Screwball-Komödien erinnern. Tempo- und wendungsreich dekliniert der 41-Jährige, der selbst auch François spielt, so mit genauem, aber immer empathischem Blick die Entwicklung dieser Beziehung durch.
Nah ist die Kamera immer an diesem Paar, nur im Hintergrund spielen ihre Berufe herein, auch Nebenfiguren sind aufs Wesentliche reduziert. Dichte gewinnt "Folichonneries", dessen Titel übersetzt "Dummheiten" heißt, nicht nur durch diese Fokussierung, sondern auch durch die unübersehbare Spielfreude der bestens harmonierenden Hauptdarsteller:innen.
Nie wirkt das verkrampft, sondern die Unbefangenheit und Offenheit vor allem in sprachlicher Hinsicht verleihen dieser Komödie nicht nur Leichtigkeit, sondern auch große Ehrlichkeit und Echtheit. Wenn dabei die am Beginn vorwiegend statischen Einstellungen gegen Ende durch eine bewegtere Kamera abgelöst werden, wird dadurch auch der Aufbruch aus der freudlosen Routine und die nun erreichte neue Lebens- und Liebesfreude spürbar.
Folichonneries
Kanada 2025
Regie: Eric K. Boulianne
mit: Eric K. Boulianne, Catherine Chabot, Erin Margurite Carter, Sarah Chouinard-Poirier
Länge: 101 min.
Läuft jetzt in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen.
Trailer zu "Folichonneries"




Kommentare