• Walter Gasperi

Filmbuch: Zeitbilder - Filme des Nationalsozialismus


Der Filmwissenschaftler Rainer Rother, der seit 2006 Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Retrospektive der Berlinale ist, spürt in seinem bei Bertz + Fischer erschienenen Buch den formalen Charakteristika des nationalsozialistischen Films nach.


Vorwiegend bereits veröffentlichte Aufsätze enthält das Buch „Zeitbilder. Filme des Nationalsozialismus“, nur der Abschnitt über die Präsentation von Karl Ritters „Patrioten“ und Jean Renoirs „La Grande Illusion“ bei den Filmfestspielen von Venedig, wurde eigens für diese Publikation verfasst, die anderen Beiträge wurden aber eingehend überarbeitet und aktualisiert.


Rother geht es nicht um den Film IM Nationalsozialismus, sondern ganz speziell um Inhalte und Ästhetik DES nationalsozialistischen Films. Unbeachtet bleiben folglich erfolgreiche Unterhaltungsfilme von „Glückskinder“ (1936) über „Münchhausen“ (1943) bis „Die Feuerzangenbowle“ (1944). Eine chronologische Darstellung von rund 50 der 1100 Filme, die während der 12 Jahre des Dritten Reichs entstanden und jährlich über eine Milliarde (!) Besucher in die Kinos lockten, bietet schon der bei Reclam im Rahmen der Stilepochen des Films erschienene Band „Der NS-Film“.


Hier geht es dem Autor vielmehr darum ausgehend von Goebbels Ruf nach einem „deutschen ‚Potemkin‘“ Merkmale einer nationalsozialistischen Ästhetik herauszuarbeiten. Den Wandel in der Inszenierung des Ersten Weltkriegs zeigt Rother anhand eines Vergleichs von Georg Wilhelm Pabsts Antikriegsfilm „Westfront 1918“ (1930) und Karl Ritters „Stoßtrupp 1917“ (1934), dessen Titel sich schon auf Pabsts Film bezieht, ebenso auf wie die Unterschiede - und die unterschiedliche Rezeption - von Ritters „Patrioten“ und Renoirs „La grande Illusion“, die beide 1937 beim Filmfestival von Venedig liefen.


Die Entwicklung der filmpublizistischen Auseinandersetzung mit den Eigenheiten des Mediums, bei der mit Kriegsbeginn die propagandistische Aufgabe des Films in den Vordergrund rückte, wird ebenso nachgezeichnet, wie die Instrumentalisierung des ursprünglich zweckfreien absoluten Films für propagandistische Zwecke. Anschaulich zeigt Rother dabei auf, wie der Spielfilm immer hinter dem „Kultur- und Dokumentarfilm“ herhinkte.


Zentrales Propagandamittel wurde dabei ab Beginn des Zweiten Weltkriegs die Wochenschau, die dem Zuschauer das Gefühl des unmittelbaren Dabeiseins gab und den Eindruck von Echtheit und Realismus vermittelte, obwohl die Propagandakompanien fast selbstredend keine verletzten Soldaten oder das Leid der Zivilbevölkerung zeigen durften. Auch hier arbeitet Rother die Entwicklung von den dynamischen Wochenschauen während des Blitzkriegs zur Darstellung von Alltag an Front und in der Heimat bis zur Durchhaltebotschaft ab der Schlacht von Stalingrad heraus.


Anschaulich wird aber auch die Forcierung des NS-Spielfilms als „Zeitfilm“ ab Kriegsbeginn dargestellt. An die Stelle von weltfremden Unterhaltungsfilmen rückten hier zunächst Kampffilme, dann aber auch Melodramen wie „Die große Liebe“, die durch die Einbindung von dokumentarischen Elementen der fiktiven Geschichte Wirklichkeitscharakter verliehen und dem Zuschauer die Rolle der Pflichterfüllung bewusst machen sollten.


Als Muster der Propaganda werden abschließend die zwei Bismarck-Filme „Bismarck“ und „Die Entlassung“, in denen der preußische Kanzler als Vorläufer Hitlers dargestellt wird, „Stukas“ als zeitnaher Film, der in der Fokussierung auf dem Kriegsgeschehen den nationalsozialistischen Geist der Zeit zum Ausdruck brachte und propagierte, und „Jud Süss“ als Prototyp des antisemitischen Films detailliert analysiert.


Gerade an „Jud Süss“, dessen Produktionsgeschichte ebenso beleuchtet wird wie die verschiedenen Drehbuchfassungen und Harlans Versuch nach dem Zweiten Weltkrieg sich von diesem Film zu distanzieren, zeigt der Autor eindrücklich auf, wie erst die perfekte Machart, dieses Melodram, das auch gezielt im Rahmen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik eingesetzt wurde, beim Publikum so erfolgreich und in der Wirkung so verheerend machte.


Mag somit auch nur ein Abschnitt dieses Buches wirklich neu sein, so dürfte doch in der Sammlung dieser Beiträge, die durch zahlreiche Verweise auf zeitgenössische Artikel und filmwissenschaftliche Literatur bestens abgesichert sind, mit „Zeitbilder. Filme des Nationalsozialismus“ aufgrund der detaillierten und differenzierten Darstellung der filmsprachlichen Charakteristika des nationalsozialistischen Films und seiner Entwicklungen ein Standardwerk zu diesem Thema vorliegen.


Rainer Rother, Zeitbilder. Filme des Nationalsozialismus, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2019, 264 Seiten, 55 Fotos, ISBN 978-3-86505-263-6, € 22