• Walter Gasperi

Filmbuch: Motion Picture Design


Auf über 500, reich bebilderten Seiten arbeitet der Musiktheaterregisseur und Filmemacher Hans-Jörg Knapp ebenso anschaulich wie detailliert heraus, wie mit filmischer Gestaltung Emotionen geweckt werden: Ein Basiswerk.


Christian Mikundas in den 1990er Jahren erschienenes Buch "Kino spüren" nennt Hans-Jörg Knapp als Vorbild und immer wieder wird auch daraus zitiert. Ungleich umfassender und vielschichtiger als der Wiener Medienwissenschaftler arbeitet Kapp aber das Thema auf.


Ausgangspunkt ist die visuelle Wahrnehmung. Ausführlich arbeitet der Autor heraus, wie Auge und Gehirn zusammenspielen und wie wir dadurch wahrnehmen. Jedem der sieben Kapitel ist ein Abschnitt über die menschliche Wahrnehmung vorangestellt, erst darauf folgt die Darstellung filmsprachlicher Mittel, mit denen die Emotionen des Publikums geschürt werden.


Hervorragend aufgebaut und strukturiert arbeitet Kapp dabei zunächst heraus, wie im Film Flächen unterschiedlich inszeniert werden, um anschließend auf die Inszenierung des Raumes und dann der Figuren und Objekte zu blicken. Immer konkret bleibt der Autor dabei, belegt seine Ausführungen mit zahllosen Filmbeispielen und stützt sie durch Filmstills. Ausführlich werden auch die Rolle und die Möglichkeiten von Licht und Farbe sowie die Möglichkeiten Bewegung filmisch zu gestalten dargestellt. Aber auch der Erzeugung visueller Schocks und den filmsprachlichen Mitteln, um Rhythmus zu erzeugen widmen sich Kapitel.


In seiner präzisen, aber nie akademischen, sondern immer leicht lesbaren Darstellung und seiner Fülle an Filmbeispielen ist die im Hanser Verlag erschienene Publikation zweifellos ein Basiswerk zum Thema. Erfreulich ist auch, dass Knapp sich bei seinen Ausführungen keineswegs nur auf klassische Meisterwerke von Antonioni, Welles, Tarkowskij, Kubrick und Hitchcock, sondern auch immer wieder auf moderne Action-Filme wie die "Bourne"-Serie, Denis Villeneuves "Blade Runner 2049" oder die Filme Quentin Tarantinos verweist. Beeindruckend ist die stupende Fülle und Breite, mit der die Argumentation belegt und gestützt wird.


Besonders hervorzuheben sind die ausführlichen Szenenanalysen, die jeweils die Kapitel abschließen. Der Bogen spannt sich hier von Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" beim Thema Fläche über Martin Scorseses "Raging Bull" beim Thema Raumgestaltung bis zu Alfred Hitchcocks "North by Northwest" bei der Inszenierung von Figuren und Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut" bei Einsatz und Wirkung von Licht und Farbe. Beim Thema Bewegung wird eine Szene aus Alfonso Cuaróns "Gravity" ausführlich analysiert, bei den visuellen Schocks "Die Bourne Verschwörung" und beim Rhythmus Tom Tykwers "Lola rennt".


So werden wohl beinahe alle filmsprachlichen Mittel von Raumaufteilung und Lichtdramaturgie über Kamerafahrten, Montage und Sounddesign bis zu Tiefenschärfe, Splitscreen, Reißschwenk und Point-of-View-Einstellung vorgestellt und gleichzeitig schlüssig erläutert, wie diese Mittel zur Emotionalisierung eingesetzt werden können.


Recht klein und dunkel sind allerdings teilweise die Bilder. So entfällt die Demonstration der geringen Hell-Dunkel-Kontraste am Beispiel von "Blade Runner 2049" aus S. 314 (Bild 4.26) letztlich, denn man sieht fast nur eine schwarze Fläche.


Kleiner Kritikpunkt gilt auch der zum Teil schlampigen sprachlichen Gestaltung. Kein Einzelfall sind nämlich Fehler und Sätze wie "In dieser exakt abgezirkelten Einstellung spricht Lucia und mit ihrem Geliebten Paolo …" (S. 398) oder "…profitiert Cuaróns Film stark von der Vorarbeit, die Stanley Kubrick mit seinem Maßstäbe setzenden Science-Fiction-Film '2001 – A Space Odyssee (USA 1968)."


Auch inhaltlich ist "Motion Picture Design" nicht frei von Fehlern. Beispiele dafür sind die Nennung von Frederic Wiseman als Regisseur von "French Connection" (S. 381), die Bildunterschrift auf Seite 368, bei der aus Howard Hughes Hawks wird, aber auch Schlampereien bei Filmtiteln, wenn Scorseses "Raging Bull" zu "Like a Raging Bull" wird (S. 313) oder Hitchcocks "North by Northwest" aufs Jahr 1957 (statt 1959; S. 391) datiert wird.

Andererseits muss man selbstverständlich festhalten, dass sich im Vergleich zur Fülle der Fakten und Titel, die hier geboten werden, diese Fehler doch in Grenzen halten.


Vereinheitlicht werden sollte bei einer weiteren Auflage auch das Gendern, denn derzeit wird teilweise das Gendersternchen verwendet, teilweise wird das männliche und weibliche Geschlecht geführt. – Aber das alles sind kleine Einwände an einem nicht nur schwergewichtigen, sondern auch mit Akribie gestalteten, ungemein detailreichen Buch, das allen - egal ob Laie oder Profi - zu empfehlen ist, die sich für Filmsprache und Funktion von filmsprachlichen Mitteln interessieren.

Hans-Jörg Kapp, Motion Picture Design. Filmtechnik.Filmgestaltung und emotionale Wirkung, Hanser Verlag, München 2021, 584 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-446-44296-2, € 39, 99 (print) / 31,99 (e-book bzw. pdf)