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  • AutorenbildWalter Gasperi

Filmbuch: Julien Duvivier - Virtuoses Kinohandwerk

Ralph Eue und Frederik Lang entreißen mit ihrem im Synema Verlag erschienenen Buch den französischen Regisseur Julien Duvivier, der aufgrund der Vielfalt seiner 68 Spielfilme nie als Autor galt und dem das Österreichische Filmmuseum derzeit eine Retrospektive widmet, dem Vergessen und wecken Lust auf eine Entdeckung dieses umfangreichen Œuvres.


In der Einleitung dieses Katalogs, der im Rahmen einer Julien Duvivier-Retrospektive im Berliner Kino Arsenal im Frühjahr 2023 entstand, zeigen die beiden Herausgeber Ralph Eue und Frederick Lang auf, wie vielfältig das Werk des 1897 in Lille geborenen und 1967 verstorbenen Regisseurs ist. Von Krimis über Komödien und religiöse Filme bis zum Poetischen Realismus und zwei Don Camillo-Filmen spannt sich sein Schaffen und nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Weimarer Republik und in Westdeutschland, in Italien, der Tschechoslowakei und in den USA drehte er Filme.


Gerade in dieser Vielseitigkeit, für die man heutige Regisseur:innen bewundert, sehen Eue / Lang den Grund dafür, dass Duvivier lange Zeit nicht beachtet und fast vergessen wurde. In negativer Weise wegweisend waren in dieser Richtung die Kritiker der Cahiers du cinéma wie Truffaut und Godard, die Duvivier nie als Autor anerkannten.


Wie dieser einleitende Beitrag begeistern alle Beiträge, unter denen sich neben neuen Aufsätzen auch historische Dokumente finden, durch die spürbare Leidenschaft und Begeisterung der Autor:innen für das Werk Duviviers und wecken so große Lust die vorgestellten Filme zu entdecken.


So spannt Ben McCann in seinem großartigen Streifzug durch das Werk Duviviers den Bogen vom Stummfilm zum Tonfilm und von Frankreich über Hollywood bis zu den Nachkriegsfilmen. Eindrücklich vermittelt er dabei anhand konkreter Filme und Szenen einen Eindruck von Duviviers virtuoser Inszenierungskunst und arbeitet den kritischen Blick auf die Masse und die Abgründe des Menschen, aber auch ein problematisches Frauenbild mit weiblichen Intrigen als Konstanten heraus.


Ralph Eue und Frederik Lang fokussieren dagegen auf die deutschen Filme des Franzosen. Ausführlich arbeiten sie heraus, wie lustvoll und einfallsreich er schon im frühen Tonfilm "Hallo, Hallo! Hier spricht Berlin! Allô Berlin? Ici Paris" (1932) die Möglichkeiten des Tons und der Mehrsprachigkeit nutzte. Beim in Marokko spielenden Krimi "Les cinq gentlemen / Die fünf verfluchten Gentleman" (1931), der in einer deutschen und einer französischen Fassung gedreht wurde, blicken die beiden Autoren dagegen vor allem auf Duviviers Vorliebe für den Dreh an Originalschauplätzen und beim ebenfalls in zwei Sprachfassungen gedrehten Nachkriegsfilm "Marianne de ma jeunesse" (1955) widmen sie sich ausführlich der zwischen Traum und Wirklichkeit pendelnden Atmosphäre.


Gerhard Midding blickt auf die späten Stumm- und frühen Tonfilmen Duviviers. Der Autor geht dabei zunächst auf das Problem ein, das viele Schauspieler:innen mit dieser Umstellung hatten, arbeitet dann aber anhand konkreter Beispiele anschaulich die virtuose Inszenierungskunst Duviviers heraus, der mit entfesselter Kamera, Parallelmontagen und Doppelbelichtungen arbeitete.


Während der Filmemacher Dominik Graf am Beispiel von Szenen der Simenon-Verfilmung "Panique" (1946), dessen Handlung Peter Nau in einem weiteren Beitrag detailliert nachzeichnet, und des Kammerspiels "Marie-Octobre" (1958) die Professionalität Duviviers aufzeigt, konzentriert sich Heike Klapdor auf Duviviers ersten Tonfilm "David Golder" (1930).


Klapdor bietet Einblick in die kontroverse Rezeption des als schroffes Sittengemälde eingeschätzten Romans von Irène Némirovsky, die von einem aus Osteuropa emigrierten Juden erzählt, der in Frankreich zum erfolgreichen Geschäftsmann aufsteigt. Darauf aufbauend analysiert die Autorin Duviviers Verfilmung, arbeitet dessen meisterhafte Arbeit mit Licht und Schatten heraus, referiert die Rezeption des Films und dessen tragische Folgen für den Hauptdarsteller Harry Baur, der als Jude denunziert, von der Gestapo verhört wurde und an den Folgen der Misshandlungen starb.


Zu diesen neuen Beiträgen kommen auch historische Dokumente wie Gunter Grolls 1951 in der SZ erschienene Rezension von "Sous le ciel de Paris coule la Seine" (1951), ein Bericht der Filmemacherin, Drehbuchautorin und Filmjournalistin Marie Epstein von ihrem Besuch der Dreharbeiten zu "Marie-Octobre" (1958) oder ein Beitrag von Jean Gabin über seine Zusammenarbeit mit Duvivier, der ihm auch Einblick in die Filmtechnik verschaffte.


Duvivier selbst wiederum kommt mit einem Brief an Francois Truffaut, in dem er ihm eine Zusammenarbeit bei seinem nächsten Film vorschlägt, ebenso zu Wort wie in einem Briefwechsel mit dem Filmjournalisten Henri Jeanson, in dem sie diskutieren, ob der Regisseur oder der Drehbuchautor wichtiger sei.


Abgerundet wird das Buch, in dem die gestochen scharfen Abbildungen für Sehgenuss sorgen, durch einen Nachruf von Jean Renoir und eine Filmografie, in der die beiden Herausgeber mit Inhaltsangabe und Kommentar prägnant die 19 Filme vorstellen, die bei der Retrospektive im Berliner Kino Arsenal gezeigt wurden. – Aber auch eine Auflistung aller 68 Filme dieses Regisseurs, der durch diese großartige Publikation hoffentlich dem Vergessen entrissen und wieder angemessen gewürdigt wird, fehlt nicht.

 

 

Ralph Eue, Frederik Lang (Hg.), Julien Duvivier. Virtuoses Kinohandwerk, SYNEMA – Gesellschaft für Medien, Wien 2023, 112 S, € 16, ISBN 3978-3-901644-91-7

 

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