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  • AutorenbildWalter Gasperi

Beeindruckend vielseitig: Julien Duvivier

Panique (Julien Duvivier, 1946)

Das Werk von Julien Duvivier spannt sich von der Stummfilmzeit bis zu den 1960er Jahren und von Komödien über Dramen bis zu Krimis, doch trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Vielseitigkeit ist der Franzose heute fast vergessen. Das Österreichische Filmmuseum versucht dies mit einer Retrospektive zu ändern.


In einigen Punkten kann man den 1896 in Lille geborenen Julien Duvivier mit dem Amerikaner Michael Curtiz vergleichen. Gemeinsam ist ihnen nicht nur, dass sich ihr Schaffen von der Stummfilmzeit bis in die 1960er Jahre spannt und die Vielfalt ihres Werkes, sondern auch dessen enormer Umfang. Während Curtiz über 160 Filme drehte, so sind von Duvivier immerhin beachtliche 68 erhalten.


Gemeinsam ist ihnen aber auch, dass einzelne Filme von ihnen bekannter sind als ihr Name als Regisseur. So denkt zwar jeder beim definitiven Kultfilm "Casablanca" an Humphrey Bogart und Ingmar Bergman, doch kaum jemand an Michael Curtiz und bei "Don Camillo und Peppone" hat man sofort die Gesichter von Fernandel und Gino Cervi vor Augen, doch wohl nur die wenigsten verbinden diese unverwüstlichen Komödien mit Julien Duvivier.


Nicht unwesentlich dürfte die Missachtung Duviviers durch die jungen Kritiker der Cahiers du Cinéma in den 1950er Jahren dazu geführt haben, dass dieser Meister des Poetischen Realismus der 1930er Jahre weitgehend in Vergessenheit geriet. Zu vielseitig war für Truffaut, Godard und Co. das Werk Duviviers ganz einfach, um ihn als Autor zu schätzen, und so reduzierten sie ihn auf einen routinierten Handwerker.


Im Gegensatz dazu wird ihm in dem im Synema Verlag erschienenen Sammelband (Rezension folgt) von so unterschiedlichen Filmemachern wie Jean Renoir und Dominik Graf höchste Professionalität zugeschrieben und eindrücklich wird in weiteren Beiträgen herausgearbeitet, wie virtuos Duvivier schon in der Stummfilmzeit die filmischen Mittel nutzte, mit Parallelmontagen arbeitete, die Kamera entfesselte und als einer der wenigen auch das Aufkommen des Tonfilms begrüßte und sogleich in der Telefon-Komödie "Allô Berlin? Ici, Paris" (1932) innovativ die Möglichkeiten des Tons und des Dialogs nutzte.


In den 1930er Jahren galt er neben Jean Renoir und Marcel Carné als Meister des französischen Kinos und schuf mit "Pepe le Moko" (1937) eines der Hauptwerke des Poetischen Realismus. Nicht nur in diesem fatalistischen Gangsterfilm, in dem der Boss der Unterwelt von Algier schließlich dem Netz der Polizei nicht mehr entkommen kann, als er sich verliebt, fand Duvivier in Jean Gabin einen idealen Hauptdarsteller.


Auch schon zwei Jahre zuvor konnte der französische Star in "La bandera" ("Die Kompanie der Verlorenen", 1935) als Mordverdächtiger, der in die Fremdenlegion flieht, brillieren und in "La belle equipe" (1938) spielte er einen der fünf Freunde, die mit einem Lottogewinn ein Ausflugslokal eröffnen. Bitter ist jeweils das Ende, wenn sich der Fremdenlegionär für seine Ideale opfert und wenn die Freundschaft der Männer zerbricht, weil sich zwei von ihnen in die gleiche Frau verlieben. Weil aber dieses tragische Ende von "La belle equipe" vom Publikum abgelehnt wurde, drehte Duvivier im Nachhinein auch noch einen versöhnlicheren Schluss.


Wie Duvivier um 1930 mehrere Filme in der Weimarer Republik drehte, so arbeitete er nach der Flucht vor den Nazis auch in Hollywood. Hier drehte er mit "Lydia" ("Ein Frauenherz vergisst nie", 1941) nicht nur ein Remake seines eigenen Dramas "Le carnet de bal" ("Spiel der Erinnerung", 1937), in dem eine reiche Witwe ihre acht ehemaligen Verehrer aufsucht, sondern mit "Tales of Manhattan" ("Sechs Schicksale", 1942) auch einen weiteren hochgelobter Episodenfilm, in dem anhand der Geschichte eines Fracks von sechs Schicksalen erzählt wird.


Nach seiner Rückkehr nach Frankreich gelang ihm mit "Panique" ("Panik", 1946) eine düstere Verfilmung von Georges Simenons-Roman "Die Verlobung des Monsieur Hire", in dem er scharf mit dem Verhalten der Masse abrechnet. Wie dies ein zentrales Thema in Duviviers Werk ist, so findet sich freilich in vielen seiner Filme auch ein teils fragwürdiges Frauenbild. Denn nicht nur in "Panique", sondern beispielsweise auch in "Voici le temps des assassins" ("Der Engel, der ein Teufel war", 1956) oder seinem letzten Film "Diaboliquement votre" ("Mit teuflischen Grüßen", 1967) stürzen verführerische und skrupellose Frauen naive Männer ins Verderben oder beseitigen sie.


Gegenpol zu diesen düsteren Krimis bieten die Komödien "Don Camillo et Peppone" (1952) und "Le retour de Don Camillo" (1953), mit denen Duvivier seine größten Publikumserfolge gelang. So unterhaltsam diese Filme dabei auch sind, so spiegeln sie mit dem Gegensatz von katholischem Pfarrer und kommunistischem Bürgermeister doch reale italienische Spannungen. Besonderen Witz beziehen diese Filme freilich dadurch, dass die Grenzen hier durchlässig sind, der Pfarrer teils kommunistische, der Bürgermeister teils christliche Positionen vertritt und die Kontrahenten sich trotz aller Feindseligkeiten im Kern doch schätzen und gegenseitig brauchen.


Trotz des Erfolgs ließ sich Duvivier nun aber nicht auf Komödien festschreiben, sondern bewahrte sich seine Offenheit. Mit "Marianne" ("Marianne, de ma jeunesse", 1956) drehte er so ein hochromantisches, zwischen Traum und Wirklichkeit pendelndes Jugenddrama, in dem sich ein junger Mann in einem märchenhaften Schloss in eine blonde Frau verliebt, ebenso wie mit "Marie-Octobre" (1959) ein fesselndes Kammerspiel. Nach dem Muster von Sidney Lumets "Die zwölf Geschworenen" versammelt Duvivier darin mehr als zehn Jahre nach Kriegsende ehemalige Widerstandskämpfer in einem Schloss, um einen Verräter in den eigenen Reihen ausfindig zu machen.


Duvivier selbst, der am 29. Oktober 1967 verstarb, als er während einer Autofahrt einen Herzinfarkt erlitt und verunfallte, sah Filmregie immer als Handwerk an, "ein schwieriges, aber erlernbares". – Wie virtuos er dieses Handwerk beherrschte, kann man an seinen Filmen studieren, die neu zu entdecken man nicht verpassen sollte. (Rezension des Filmbuchs "Julien Duvivier – Virtuoses Kinohandwerk" folgt in den nächsten Wochen).


Spielplan und weitere Informationen zur Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum finden Sie hier.



Trailer zu "Panique"



 

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