• Walter Gasperi

Filmbuch: Handbuch Filmgenre


Schwergewichtig und tiefschürfend: Auf 690 Seiten bietet das von Marcus Stiglegger herausgegebene "Handbuch Filmgenre" einen Überblick über den Stand der Filmgenreforschung.


Nicht um die Vorstellung klassischer Genrefilme wie in der bei Reclam erschienenen Reihe "Filmgenres" geht es in dem im Springer Verlag erschienenen Handbuch, sondern um die Auseinandersetzung mit dem Genrebegriff, um den Unterschied zwischen Gattung und Genre und die Abgrenzungen der einzelnen Genres. Die Genese der Begriffe in der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte wird ebenso untersucht wie die Schwierigkeit von Genrebenennungen.


Am Beispiel des Horrorfilms erfolgt eine Annäherung an die Genredramaturgie, aber auch Überschreitungen dieser Dramaturgie werden aufgezeigt, und am Beispiel des Western und des Horrorfilms wird die Rolle der Genrefilme im Rahmen der populären Kultur untersucht.


Martin Urschel geht der Frage nach, wie Genrefilme gesellschaftliche Realität nicht nur beschreiben, sondern gestalten, während Ivo Ritzer die Dichotomie von Autorenfilm und Genrefilm mit Fokus auf dem Werk von Walter Hill dekonstruiert. Irina Gradinari dagegen spürt der Wechselwirkung von Gender und Genre nach und Florian Mundhenke nimmt die Geschichte klassischer Genres und Hybridformen unter die Lupe. Peter Moormann wiederum arbeitet am Beispiel der Standardsituation "Verfolgungsjagd" die Langlebigkeit bestimmter filmmusikalischer Gestaltungsmuster heraus.


Ein umfangreicher Abschnitt ist "historischen und lokalen Perspektiven" gewidmet. Anja Peltzer untersucht dabei aus historisch-ökonomischer Perspektive das Genrekino Hollywoods, während Stefan Borsos der Frage nachgeht, inwieweit man ostasiatische Genres als Genres im westlichen Sinn verstehen kann. Aber auch Einblick in die Genres im indischen Film wie das Bollywood-Musical, das Musical, den Western und Horrorfilm in Lateinamerika, die Hybridisierung der Genres in Afrika, in sowjetische Genres sowie Genres im deutschen Nachkriegskino wie der Heimatfilm, die Karl-May-Filme oder die Edgar Wallace-Filme wird geboten.


Abschließend werden auf rund 250 Seiten vierzehn klassische Genres vom Western über den Gangsterfilm und Thriller bis zur Komödie, dem Melodram und dem Musical definiert, Grundstrukturen, zentrale Motive und Standardsituationen herausgearbeitet, aber auch Sub- und Hybridgenres vorgestellt.


Nicht nur durch seinen Umfang beeindruckt dieses "Handbuch Filmgenre", sondern mehr noch durch das hohe Niveau der Beiträge, für die Autoren aus dem universitären und wissenschaftlichen Bereich verantwortlich zeichnen. Wie fundiert hier gearbeitet wurde, machen auch die Fülle an Verweisen auf Fachliteratur und die umfangreichen Bibliographien, die jeden Beitrag abschließen, deutlich.


Ein Standardwerk zum Thema wurde hier zweifellos geschaffen, dessen erste Zielgruppe zwar Studierende und Lehrende der Film- Medien- und Kommunikationswissenschaften sind, das aber auch interessierten Laien einen tiefen Einblick in Geschichte, Ästhetik und Theorie der Filmgenres bieten kann.


Marcus Stiglegger (Hg.) Handbuch Filmgenre. Geschichte – Ästhetik – Theorie, Springer, Heidelberg 2020. 690 S., ISBN 978-3-658-09016-6 (print), € 133,63 (print), € 99,99 (e-book), € 214,49 (print + e-book)