• Walter Gasperi

Filmbuch: Fulci – Filme aus Fleisch und Blut


"Godfather of the Gore" nennen die Fans Lucio Fulci, der in den 1980er Jahren mit extrem gewalttätigen Horrorfilmen wie "Ein Zombie hing am Glockenseil" oder Gialli wie "Der New York Ripper" die Gerichte und den Jugendschutz beschäftigte. Jetzt ist bei "Deadline – Das Filmmagazin" ein reich bebildertes Buch mit 14 Aufsätzen zum Werk des 1996 verstorbenen italienischen Filmregisseur erschienen.


Alles andere als Mainstream sind die fast 60 Filme, die der 1927 geborene Lucio Fulci zwischen 1948 und 1991 drehte. Von der großen Masse wurden sie kaum beachtet. Sie liefen vor allem in schmuddeligen Bahnhofskinos und begeistert erzählen die Herausgeber Pelle Felsch und Marcus Stiglegger in einem einleitenden Dialog von der prägenden Erfahrung der Entdeckung dieser Filme.


Weil diese immer wieder die deutschen Gerichte beschäftigten, bietet Jakob Larisch einen spannenden Einblick in die Praxis des Filmverbotes in Deutschland im Allgemeinen und arbeitet an den sechs verbotenen Filmen Fulcis ("Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies", 1979; "Ein Zombie hing am Glockenseil", 1980; "Die Geisterstadt der Zombies", 1981; "Der New York Ripper", 1982; "Zombie 3", 1988; "Nightmare Concert", 1990") anschaulich heraus, wie hier Fehlurteile gefällt wurden. Einerseits wurden nämlich Szenen willkürlich aus dem Kontext gerissen, andererseits wurde übersehen, dass sich in diesen Filmen nirgends eine affirmative Darstellung von Gewalt findet.


Persönlichen Beiträgen wie Erinnerungen von Fulcis Assistenten Michele de Angelis, des Komponisten Fabio Frizzi oder Christian Keßlers Aufarbeitung der Faszination, die diese Filme in den 1980er Jahren auf einen Teil der damaligen Jugend ausübten, stehen präzise Analysen von wiederkehrenden Motiven in Fulcis Werk gegenüber.


So zeichnet Patricia MacCormack, unterteilt in die Genres Komödien, Abenteuerfilme, Horrorfilme und Gialli, die Karriere Fulcis nach, während Sven Safarow und Oliver Nöding auf das Spätwerk, das nach Ansicht der Autoren schon von der eigenen Todesahnung des Regisseurs geprägt ist, blicken.


Die unterschiedliche Rolle von Türen in den Filmen Fulcis vom Grauen, das dahinter lauert, bis zum Portal ins Jenseits, wird ebenso untersucht, wie die literarischen Einflüsse und seine Adaptionen und Interpretationen von Edgar Allan Poes "The Black Cat" und Jack Londons "Wolfsblut" und dessen Fortsetzung.


Jörg von Brincken spürt dem Spannungsfeld von Abscheu vor und Faszination für das Eklige nach und arbeitet heraus, wie Fulci mit Groß- und Detailaufnahmen das Ekelerregende nah an den Zuschauer brachte. Leonhard Elias Lemke blickt dagegen auf das Übernatürliche in Fulcis Gialli, das von Film zu Film breiteren Raum einnahm.


Spannend arbeitet auch Michael Brodski anhand konkreter Filmbeschreibungen heraus, dass die Kinder in Fulcis Filme nicht in unschuldige auf der einen Seite und böse auf der anderen eingeteilt werden können, sondern dass dies ambivalentere und komplexere Figuren sind. Zu diesem Ergebnis kommen auch Lioba Schlösser und Susanne Kappesser, die in einem Dialog die Frage nach der Misogynie von Fulcis Filmen diskutieren.


Anhand der Beschreibung konkreter Filmszenen bieten die Autorinnen nicht nur Einblick in Fulcis durchaus problematische Inszenierung von Frauen, sondern auch in die patriarchalen Männerbilder, die sich durch seine Filme ziehen. Im detaillierten Blick auf diese Filme zeigen Schlösser / Kappesser aber auch auf, dass diese Filme komplexer sind als sie auf den ersten Blick scheinen und folglich differenzierter betrachtet werden müssen.


Zahlreiche Abdrucke von Filmstills und Filmplakaten zwischen den einzelnen Beiträgen runden diese Aufsatzsammlung ab, dier einen vielschichtigen Einblick in das Werk eines inzwischen weitgehend vergessenen Regisseurs bietet und auch Lust macht dessen zweifellos fordernden Filme neu oder wieder zu entdecken.


Als spezielles Extra liegt dem Buch eine DVD bei, auf der 88 MitarbeiterInnen Fulcis kurz von ihrer schönsten Erinnerung an den Regisseur und die Zusammenarbeit mit ihm erzählen. Dürftig ausgefallen ist leider die Filmographie, die sich auf eine mit Jahreszahl versehene chronologische Auflistung der Titel von Fulcis Filmen beschränkt.

Pelle Felsch, Marcus Stiglegger (Hg.), Fulci. Filme aus Fleisch und Blut, Deadline – Das Filmmagazin, St. Ingbert 2019, 290 S., € 34,99