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  • AutorenbildWalter Gasperi

Filmbuch: Beethoven im Film – Titan auf Tonspur und Leinwand


Von Biopics wie Abel Gances "Un grand amour de Beethoven" bis zu Stanley Kubricks "Clockwork Orange" hat Ludwig van Beethoven als Person und auf der Tonspur vielfältige Einflüsse in der Filmgeschichte hinterlassen. Der im Münchner Verlag edition text+kritik erschienene Sammelband bietet in 13 fundierten Beiträgen Einblick in die reichhaltige und sehr unterschiedliche Beethoven-Rezeption.


Wie Herausgeber Albrecht Riethmüller im Vorwort darlegt, war eine Tagung zum Thema "Beethoven im Film" geplant, doch wurde dies durch die Covid19-Pandemie vereitelt. Die vorgesehenen Referent:innen erklärten sich jedoch bereit, ihre geplanten Vorträge für dieses Buch druckreif auszuarbeiten.


Schon das Buchcover macht das Spannungsfeld von Beethoven deutlich: Das Filmstill aus Billy Wilders "Kiss Me Stupid" zeigt einen Musiklehrer, der Unterricht am klassischen Klavier erteilt, während gleichzeitig sein Sweatshirt mit dem Konterfei Beethovens signalisiert, dass der Musik-Titan längst zum Popstar geworden ist.


Enjott Schneider arbeitet in seinem Beitrag die Parallelen zwischen der Musik Beethovens und dem Film im Allgemeinen heraus. Der Autor spannt den Bogen dabei vom Heroischen des Komponisten über die Freiheit als zentralem Thema bis zur Jetzt-Zeit, in der es nur den Augenblick gibt und die Musik und Film zu schaffen vermögen.


Sechs Beiträge versammelt der Abschnitt "Querschnitte". Guido Heldt widmet sich der Verwendung von Beethovens Musik in neun Biopics über den berühmten Komponisten von Abel Gances "Un grand amour de Beethoven" (1937) bis zu Agnieszka Hollands "Copying Beethoven" und Nikolaus Stein von Kamienskis TV-Film "Louis van Beethoven" (2020).


Peter Moormann blickt dagegen auf den Einsatz des ambivalent interpretierten Allegretto der seit ihrer Uraufführung sehr beliebten 7. Symphonie in so unterschiedlichen Filmen wie Edgar G. Ulmers "The Black Cat" (1934), Gaspar Noés "Irréversible" (2002), Alex Proyas´ Science-Fiction-Film "Knowing" (2009), Tobe Hoopers "The King´s Speech" (2010) oder Roland Emmerichs "White House Down" (2015).


Gregor Herzfeld analysiert wiederum auf 20 Seiten detailliert die Rolle von Beethovens Musik in den drei neueren Hollywoodfilmen "A Late Quartett" (2012), "The Soloist" (2009) und "The Man Who Wasn´t There" (2001). Albrecht Riethmüller spürt der Verbindung der Musk mit dem Gefühl ethischer Stärkung auf der einen Seite und destruktiver Gewalt auf der anderen Seite in Detlev Siercks "Schlussakkord" (1936), Stanley Kramers "Urteil von Nürnberg" (1961) und Stanley Kubricks "Clockwork Orange" (1971) nach.


Die Wandelbarkeit des Beethoven-Bildes zeigt Saskia Jaszoltowski in ihrem Beitrag über die Musik des Komponisten in Animationsfilmen vom Hollywood der 1930er und 1940er Jahre bis zum japanischen Animé "ClassicaLoid" (2016-18), in dem Beethoven ein Superheld ist, dessen Superkraft die Musik ist. Michael Custodis wiederum widmet sich der Präsenz von Beethoven in Comedy-Formaten vom Beethoven-Fan Loriot über die Monty Pythons bis zu den Simpsons.


Im zweiten Abschnitt werden unter dem Titel "Muster" in fünf Artikeln einzelne Filme unter die Lupe genommen. Julie Brown analysiert im einzigen englischsprachigen Beitrag des Buches Thomas Edisons kurzen Stummfilm "Origin of Beethoven´s 'Moonlight Sonata'". (1909).


Spannend untersucht Irene Kletschke am Beispiel der Verwendung des "Pastorale" in Disneys "Fantasia" (1940) Fragen von Freiheit der Kunst, kultureller Aneignung und Identitätspolitik. Die Autorin plädiert dabei allgemein dafür, dass in der Übernahme von Kunstwerken in einen neuen Kontext nicht immer nur eine Inbesitznahme gesehen werden soll, sondern dass dies auch zu Erkenntnisgewinn führen könne.


Hans J. Wulff arbeitet dagegen heraus, wieso man in Walter Felsensteins "Fidelio" (1956) keine Opernverfilmung, sondern eine genuin filmisch adaptierte Oper und einen Musikfilm sehen sollte. Detailreich analysiert Christoph Henzel den DEFA-Spielfilm "Beethoven. Tage aus einem Leben" (1976). Der Autor vergleicht dieses Biopic mit dem DEFA-Dokumentarfilm "Ludwig van Beethoven" (1954), zeigt auf, wie Gegenwartsbezüge hergestellt werden und mit dem Thema des Verhältnisses von Künstler und Gesellschaft auch indirekt Kritik an der DDR-Zensur geübt wird.


Auf Franziska Kollingers Beitrag zur Verwendung des Allegrettos der 7. Symphonie in Gaspar Noés "Irreversible" (2002) folgt abschließend ein Beitrag von Albrecht Riethmüller zu Mauricio Kagels "Ludwig van" (1970), in dem der Herausgeber das Spannungsfeld von "Anti-Beethoven-Film" und "Liebeserklärung an den Komponisten", in dem dieser Film steht, herausarbeitet.


Insgesamt muss diese Publikation, die nach dem 2020 im Bertz & Fischer Verlag erschienenen Buch "Vom Klang bewegt – Das Kino und Ludwig van Beethoven" innerhalb weniger Jahre die zweite große Publikation zu diesem Thema ist, in ihren vielfältigen Blicken und Aspekten sowie der Fundiertheit der Beiträge als Basiswerk zu diesem Thema angesehen werden. Dass die Bebilderung spärlich ausgefallen ist, lässt sich angesichts der hohen Qualität der Beiträge, die trotz ihrer Wissenschaftlichkeit gut lesbar sind, leicht verschmerzen.



Albrecht Riethmüller (Hg.), Beethoven im Film. Titan auf Tonspur und Leinwand, Edition text + kritik, München 2022. 237 S., € 32, ISBN 978-3-96707-608-0


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