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  • AutorenbildWalter Gasperi

Falling Down - Ein ganz normaler Tag


Michael Douglas holt als frustrierter amerikanischer Durchschnittsbürger zum Rachefeldzug durch Los Angeles aus: Joel Schumachers fulminanter satirischer Thriller aus dem Jahr 1993 ist bei Plaion Pictures in einem Mediabook auf DVD und Blu-ray erschienen.


Von der Augenpartie des lange Zeit namenlosen Protagonisten (Michael Douglas) fährt die Kamera von Andrzej Bartkowiak zurück, zeigt den Durchschnittsamerikaner mit Kurzhaarschnitt, weißem Hemd und Krawatte als eingesperrt in seinem Wagen, der wiederum in einem Stau feststeckt. Die Kamera holt weiter aus, erfasst in einer spektakulären Plansequenz eine Familie in einem anderen Wagen, schreiende Kinder in einem Bus, telefonierende Geschäftsleute, ehe sie wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt.


Die Hitze des Sommertags ist förmlich spürbar. Dazu kommt eine lästige Fliege, die dem Mann immer wieder entkommt, die defekte Klimaanlage des Autos, der nicht funktionierende Fensterheber und die sich auf der Tonspur im Stakkato der Detailaufnahmen steigernde Tonkulisse aus den anderen Wagen.


Langsam steigert sich so die Situation, bis der Mann mit seinem Aktenkoffer aus dem Wagen aussteigt, ihn stehen lässt und erklärt, dass er nach Hause gehen wolle. Wie er freilich im Stau feststeckt, so steckt er auch im Leben fest und mit dem Ausstieg verlässt er nicht nur den Wagen, sondern steigt gewissermaßen auch aus seinem bisherigen Leben aus.


Meisterhaft ist diese Eröffnungsszene, die schon dicht die Frustration und die Wut dieses Mittelstandsbürgers vermittelt, die im Folgenden weiter ausformuliert wird. Nicht ertragen kann dieser mustergültige weiße Amerikaner, dass er für den Waffenkonzern, für den er arbeitete nach Ende des Kalten Krieges wirtschaftlich nicht mehr tragbar war und dass seine Familie zerbrochen ist.


"D-Fens" lautet seine selbst gewählte Autonummer, doch von der Defensive geht dieser Wutbürger an diesem Tag zur Offensive über. Sein Zorn entlädt sich zunächst an einem koreanischen Gemischtwarenhändler, der ihm eine Cola zu einem seiner Meinung nach überhöhten Preis verkaufen will. Schlecht bekommt auch zwei Latinos, dass sie ihn provozieren, in einem Fastfood-Restaurant treiben ihn die Verkaufsregeln zur Weißglut, aber auch mit einem Neonazi fährt er ab.


Sukzessive größer werden auf diesem Weg durch L.A. seine Waffen, steigern sich vom Baseballschläger über ein Messer und Schnellfeuerwaffen bis zu einer Panzerfaust, deren Bedienung ihm freilich Kids erklären müssen. In seltsamem Widerspruch zu seiner Aggression steht dabei immer seine Korrektheit, denn mag er auch den koreanischen Laden zertrümmern, so bezahlt er für die Cola schließlich doch ebenso wie für den Burger im Fast Food-Restaurant, nachdem er mit der Waffe in der Hand seine Wünsche durchgesetzt hat.


Doch nicht nur gegen unterschiedliche Ethnien richtet sich die Wut des Nobodys, sondern auch gegen die Obdachlosen, Bettler und Aids-Kranken auf den Straßen, die im Kontrast zu den Versprechungen der großen Werbetafeln stehen. Dazu kommt auch noch die Abrechnung mit den Reichen, die große Grünflächen für einen Golfplatz einzäunen, oder Schönheitschirurgen, die in prächtigen Villen leben. Im Grund ein großer Patriot verflucht er, was aus seinem Heimatland geworden ist, fühlt sich im Stich gelassen und um den verdienten Lohn seines Einsatzes betrogen, während andere in Luxus leben.


Wie im Western die Siedler und die US-Kavallerie gegen die indigene Bevölkerung zog, so zieht er als Einzelkämpfer bei seinem Rachefeldzug durch den Großstadtdschungel, um sich das zurückzuholen, was ihm eine feindliche Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen überall einschränkt, genommen hat.


Parallel dazu erzählt Joel Schumacher, wie Sergeant Prendergast (Robert Duvall), für den dies der letzte Arbeitstag vor seiner Pensionierung ist, die Einzelteile langsam zusammenfügt und dem Gejagten näher rückt. Pendergast erscheint dabei auch als Parallel- und Gegenfigur zum Protagonisten, der erst spät mit William Foster einen Namen erhält. Denn während beide einerseits die Liebe zu Frau und Kindern verbindet, steht andererseits dem psychisch schwer angeschlagenen Foster der ruhige und innerlich gefestigte Prendergast gegenüber.


Spannung baut Schumacher aber auch durch die Verknüpfung dieser beiden Erzählstränge mit einem dritten auf, in dessen Zentrum Fosters Ex-Frau (Tuesday Weld) steht. Sie lebt in Angst vor ihrem mit Kontaktverbot belegten Ex-Mann, der sie immer wieder anruft und erklärt, dass er die gemeinsame kleine Tochter, die an diesem Tag Geburtstag feiert, besuchen wird.


Feine Zwischentöne gibt es hier nicht, Schumacher inszeniert plakativ, aber auch mitreißend. Problematisch macht diesen satirischen Thriller freilich die Erzählperspektive. Indem Schumacher und Drehbuchautor Ebbe Roe Smith nämlich weitgehend aus der Perspektive des Amokläufers erzählen, lassen sie auch die Zuschauer:innen dessen Wut nachvollziehen.


Dessen Rassismus und Aggression wird so weniger kritisiert als vielmehr auf die Zuschauenden übertragen, die ihm bei seiner Kritik an den Missständen teilweise recht geben dürften. Schwer ist es angesichts der furiosen Inszenierung und der Nähe zu dem von Michael Douglas mit Verve gespielten Protagonisten Distanz zu wahren. Andererseits entwickelt "Falling Down" gerade durch diesen ebenso ambivalenten wie problematischen Durchschnittsbürger, der auch als Opfer der Verhältnisse erscheint, seine Faszination.


An Sprachversionen bieten die bei Plaion Pictures in einem Mediabook erschienene DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Die Extras umfassen neben einem etwa zehnminütigen, deutsch untertitelten Interview mit Michael Douglas, dem englischen und deutschen Trailer sowie einer Bildergalerie einen nicht untertitelten, englischen Audiokommentar, in dem Joel Schumacher, Drehbuchautor Ebbe Roe Smith, Editor Paul Hirsch und mehrere Schauspieler:innen über den Film sprechen.


Trailer zu "Falling Down - Ein ganz normaler Tag"


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