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  • AutorenbildWalter Gasperi

Everybody Hates Johan - Alle hassen Johan

Aktualisiert: 2. Juli

Von der Kindheit bis zum hohen Alter bestimmt Sprengstoff das Leben des Norwegers Johan, doch nicht nur Freude bereitet diese Leidenschaft, sondern führt auch zu Unglücken: Hallvar Witzø erzählt vor der herb-poetischen Kulisse der vor Trondheim gelegenen Insel Frøya mit skandinavisch schwarzem Humor die ziemlich schräge Lebensgeschichte dieses Außenseiters.


Mit mehreren preisgekrönten Kurzfilmen machte der Norweger Hallvar Witzø auf sich aufmerksam, nun spannt er in seinem Spielfilmdebüt mit großen Zeitsprüngen die Handlung von 1943 bis 2022 und zeichnet so das Leben seines Protagonisten Johan Grande (Pål Sverre Hagen) nach.


Die Leidenschaft für Explosionen ist Johan, der auch als Ich-Erzähler aus dem Off durch den Film führt, förmlich in die Wiege gelegt. Schon als Baby ist er nämlich dabei, als seine Eltern als Widerstandskämpfer:innen gegen die Nazis 13 Brücken sprengen. Beliebt machen sie sich damit in dem auf der Insel Frøya gelegenen Dorf Titran aber nicht, denn einerseits sind sie Kommunisten, andererseits gehen sie ihren eigenen Weg und kooperierten nicht mit den anderen Widerstandskämpfer:innen.


Den Hass, den sie dadurch auf sich ziehen, zieht sich durch den Film, und diesen bekommt auch Johan schon als Junge zu spüren. Seine Leidenschaft für Sprengungen erlischt aber auch nicht, als seine Eltern bei einer Explosion ums Leben kommen, sondern nach einem weiteren tragischen Zwischenfall bricht er in die USA auf, wo er selbstverständlich Sprengmeister wird.


Mit einer kurzen Montagesequenz aus Fotos und Filmschnipseln von Sprengungen rafft Witzø diesen Auslandsaufenthalt, um den bärenstarken Hünen 1974 wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen. Seine große Liebe Solvor (Ingrid Bolso Berdal) will er nun zurückgewinnen, denn einen Nachkommen zu zeugen und den Stammbaum der Grandes fortzusetzen ist sein größter Wunsch. Doch wie die Dorfgemeinschaft steht auch Solvor ihm – zumindest nach außen hin – feindselig gegenüber.


Zum einen lebt diese schwarzhumorige Tragikomödie von den prächtigen Cinemascope-Bildern der herb-poetischen Küstenlandschaft, zum anderen vom knorrigen Charme der mächtigen, aber im Grunde sensiblen Hauptfigur. Ideal ist diese mit Pål Sverre Hagen besetzt, aber auch Johans Onkel und Tante, ein gehässiger Postbote oder die Vietnamesin Pey sind trefflich gecastet.


Anekdotenhaft ist zwar die Erzählweise der durch Inserts auf 1944, 1951, 1959, 1974, 1993 und 2022 datierten Kapitel, doch Titran als einziger Schauplatz und die Fokussierung auf Johan, seinem Außenseiterstatus und seinem ungewöhnlichen Hobby halten den Film zusammen. Immer wieder sorgen aber auch ebenso originelle wie schräge Einfälle von einer Schlägerei bei der Enthüllung eines Denkmals für Widerstandskämpfer:innen, auf dem Johans Eltern nicht erwähnt werden, bis zu einem Speeddating im Gemeindesaal für Witz.


So skandinavisch trocken Witzø die Geschichte dabei zunächst erzählt, so kommt doch spätestens mit dem Auftauchen der Vietnamesin auch viel Gefühl in den Film. Ein langfristiges Glück scheint Johan dennoch nicht gegönnt, bis am Ende wieder eine überraschende Wende eintritt.


Nicht unwesentlich zum Vergnügen trägt dabei auch bei, wie Witzø, der "Everybody Hates Johan" seinem Vater gewidmet hat, die Figuren über die Zeitsprünge langsam altern lässt. Da wird nicht nur aus dem Baby ein Kind, dann ein Junge, bald ein kräftiger Mann und schließlich ein Greis mit schlohweißem Haar, sondern auch Solvor, seine Zieheltern, der Postbote oder – weit über jede biologische Wahrscheinlichkeit hinaus - das Wildpferd Ella lässt der 40-jährige Regisseur liebevoll altern und vermittelt gleichzeitig beiläufig über die Veränderung der Kleidung von Norweger-Pullis in den 1940/1950er Jahren über hippiemäßige Kleidung und Frisur der 1970er Jahre sowie sich ändernde Autos und Küchengeräte den Wandel im Lauf der Zeit.


Zu sehr liegt der Fokus freilich auf Johan, als dass sich "Everybody Hates Johan" zu einer Dorfchronik entwickeln könnte und auch die gruppendynamischen Prozesse innerhalb der Dorfgemeinschaft mit der Ausgrenzung Johans werden über weite Strecken mehr behauptet als wirklich spürbar. Aber als lakonisches, von schwarzem Humor und schrägen Szenen durchzogenes Porträt eines trotz seiner Begeisterung für Sprengstoff im Kern zärtlichen Außenseiters überzeugt dieses Debüt dennoch.



Everybody Hates Johan

Norwegen 2022

Regie: Hallvar Witzø

mit: Pål Sverre Hagen, Ingrid Bolsø Berdal, Ine F. Jansen, Ingunn Beate Øyen, Trond-Ove Skrødal, Vee Vimolmal, Hermann Sabado, Jon Brungot

Länge: 93 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Everybody Hates Johan - Alle hassen Johan"




 



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