• Walter Gasperi

Einsam zweisam - Deux moi


Mélanie und Rémy wohnen praktisch Tür an Tür in der Millionenstadt Paris, doch auch in Zeiten der sozialen Netzwerke sind sie einsam. – Keine neue Geschichte, aber die ebenso leichthändige wie einfallsreiche Inszenierung, viele hinreißende Details und sympathische Schauspieler lassen bei Cédric Klapischs Komödie locker darüber hinwegsehen.


Rémy (Francois Civil) und Mélanie (Ana Girardot) sind beide um die 30, wohnen praktisch Tür an Tür, laufen sich immer wieder über den Weg, doch nehmen sich nicht wahr. – Nur eine Frage der Zeit ist es bei solchen bekannten Ausgangssituationen, bis es zwischen den beiden funkt.


Beide haben in ihrem Leben mit sich selbst zu kämpfen. Sie arbeitet als Biochemikerin in einem Labor, ist aber zutiefst verunsichert, ist ständig müde und schläft täglich um die 14 Stunden, er leidet unter Schlafstörungen, hat Schuldgefühle, weil im Lager des Versandhandels, in dem er arbeitet, Kollegen aufgrund des Einsatzes von Robotern entlassen werden, er aber in eine andere Abteilung versetzt und damit befördert wird.


Weil sie mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, suchen sie Psychiater auf. Mélanie erzählt, dass sie das Ende einer Beziehung noch nicht richtig verarbeitet hat, Rémy von seinem Problem Kontakte zu knüpfen. Er legt ein Facebook-Profil an, sie versucht über andere soziale Netzwerke wie Tinder einen Partner zu finden. Vielfältig ist zwar die Auswahl an Männern, die sich ihr hier bietet, doch wenig erfreulich sind konkrete Treffen.


Mit wunderbarer Leichtigkeit erzählt Cédric Klapisch von diesen beiden verlorenen Seelen. Wie er die Geschichten parallel führt, sich seine Protagonisten dann immer wieder begegnen lässt, zeugt von großer Souveränität, denn perfektes Timing ist nötig, dass die Einzelteile bruchlos ineinandergreifen und es im filmischen Getriebe nicht knirscht. Man spürt, dass hier ein Routinier am Werk ist, der weder sich noch anderen etwas beweisen muss, die Fäden immer sicher in der Hand hält und locker mit den erzählerischen Möglichkeiten spielt.


Rémy und Mélanie halten „Einsam zweisam - Deux moi“ dabei zusammen, um sie herum baut Klapisch mit Details wie einem Kätzchen oder dem algerischstämmigen Besitzer des Gemischtwarenladens, dem neuen Job von Rémy im Call-Center seiner Firma oder Mélanies Angst vor einem anstehenden Vortrag und natürlich den sich wiederholenden Sitzungen bei den Psychiatern zahlreiche hinreißende Details ein.


An seinen Hit „Chacun cherche son chat“ knüpft Klapisch dabei nicht nur mit der Verankerung der Geschichte in einem urigen Pariser Viertel an, sondern auch mit einer Katze, die Rémy zunächst erhält, ihm aber bald entläuft. Nur einer von vielen Berührungspunkten, bei dem man erwartet, dass er zum Kontakt zwischen den beiden Protagonisten führt, ist das aber.


Denn immer wieder stehen sie auf ihren Balkonen, die nur durch eine Wand getrennt sind, nah beieinander und doch völlig isoliert, verlassen gleichzeitig das Haus, sind zur gleichen Zeit im Gemischtwarenladen, stehen nebeneinander in der Apotheke, in der er Schlafmittel, sie ein Aufputschmittel kauft, oder beobachten nebeneinander auf ihrer Straße, wie die Feuerwehr nach einem Brand Verletzte birgt.


Ständig erwartet man so, dass es endlich zwischen den beiden funkt, aber gekonnt spielt Klapisch mit dieser Zuschauererwartung und schiebt die wirkliche Begegnung immer wieder hinaus. Dann aber lässt er bei einer Umarmung beim Tanzen aber geradezu physisch spüren, wie intensiv eine simple körperliche Berührung ist und wie viel mehr wert als digitale Kontakte diese ist.


Von der ersten Szene an, in der Menschen wortlos in ihr Smartphone starrend in der Metro sitzen, erzählt „Deux moi“ so von der Einsamkeit in Zeiten der totalen digitalen Vernetzung und bleibt trotz des ernsten Themas doch immer ein charmantes romantisches Vergnügen. Das liegt auch an den beiden ungemein sympathischen Hauptdarstellern Francois Civil und Ana Girardot, bei denen Klapisch auch weit in der Biographie zurückliegende Traumata aufdeckt.


Dass der Weg dorthin aber weit ist, spricht auch Rémys Psychiater an, wenn er zu einer raschen Abfolge von Gesichtern seiner Patienten einer Kollegin erklärt, dass schon seltsam sei, wie viele Nebensächlichkeiten er im Laufe seiner Berufslaufbahn habe anhören müssen, bis die Patienten vielfach mit einem Nebensatz schließlich zum zentralen Punkt kamen.


Wenn so auch Rémy und Mélanie – selbstverständlich getrennt voneinander – zu diesen Knackpunkten in ihren Leben vordringen, diese thematisieren müssen und durch die Konfrontation damit zu lösen lernen, plädiert „Deux moi“ auch für einen genaueren und achtsameren Blick auf sich selbst. – Dass auch dies bei Klapisch ganz leicht daherkommt und die Souveränität, mit der er die verschiedenen Problemfelder verknüpft und immer wieder mit hinreißender Situationskomik auflockert, ist die große Kunst des Regisseurs und dieser typisch französischen Komödie.


Läuft ab Freitag, 21.2. in den österreichischen Kinos


Trailer zu "Einsam zweisam - Deux moi"