• Walter Gasperi

Ein Becken voller Männer - Le grand bain


Ein depressiver Arbeitsloser schließt sich einer Gruppe von Synchronschwimmern an, die alle mit persönlichen Problemen zu kämpfen haben. – Die Handlung ist vorhersehbar, doch der einfühlsame Blick, die leichthändige Inszenierung sowie ein lustvoll aufspielendes Ensemble machen Gilles Lellouches soziale Komödie ebenso unterhaltsam wie sympathisch.


In England ließ Peter Cattaneo schon 1997 eine Gruppe Arbeitsloser in „The Full Monty“ über Auftritte als Stripper neuen Lebensmut gewinnen. Von Männern, die sich auf die Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen vorbereiten, erzählte schon 2008 der Schwede Måns Herngren in „Männer im Wasser“ und letztes Jahr präsentierte auch noch der Brite Oliver Parker in „Swimming With Men“ eine ähnliche Geschichte.


Viel Neues darf man so von „Ein Becken voller Männer“ nicht erwarten, französischen Stars wie Mathieu Amalric, Guillaume Canet, Benoît Poelvoorde und Virginie Efira zuzuschauen, ist aber meistens ein Vergnügen. Mit viel Lust spielen sie diese Underdogs, harmonieren bestens und locker und unverkrampft ist auch Lellouches Inszenierung.


Fulminant ist der Auftakt mit einer Reflexion über das Runde und das Eckige, bei der der Bogen von Erde und Sonne über runde Brillengläser bis zu eckigen Tabletts, Würfeln und schließlich zum Kinderspiel mit Quadern und kreisförmigen Scheiben gespannt wird. Nie scheinen diese Gegensätze zusammenzupassen, der Film freilich will den Beweis führen, dass das Eckige ins Runde und umgekehrt passen kann, und wird folglich auch am Ende zu dieser Ausgangsszene zurückkehren.


Im Mittelpunkt steht der von Amalric gespielte Bertrand. Schwer depressiv ist der seit zwei Jahren arbeitslose Fünfzigjährige, seine beiden Kinder nehmen ihn kaum noch wahr, doch seine Frau hält scheinbar unerschütterlich zu ihm. Als er im Schwimmbad eine Gruppe von Synchronschwimmern sieht, schließt er sich diesen an.


Von Amalric als Anker kann Lellouche immer wieder in kurzen Szenen den Blick auf die Probleme eines Teils der anderen Schwimmer öffnen, auf den Unternehmer Marcus (Benôit Poelvoorde), der seine vierte Firma Richtung Konkurs steuert, auf den Familienvater Laurent (Guillaume Canet), dessen schwierige Beziehung zu seiner Mutter und seiner Frau offensichtlich beim Sohn eine Sprachstörung ausgelöst hat, auf den im Wohnwagen lebenden erfolglosen Rockmusiker Simon (Jean-Hugues Anglade), aber auch auf die alkoholkranke Trainerin Delphine (Virginie Efira).


Andere der rund zehn Synchronschwimmer wie beispielsweise ein Singhalese, der kein Französisch spricht, bleiben zwar reine Staffage, insgesamt bietet Lellouche aber doch einen kleinen Querschnitt durch Probleme in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Sein Blick ist mitfühlend, allzu tief bohrt er freilich nicht, denn vor allem sollen ja die Kraft der Gemeinschaft beschworen und Lebensfreude verbreitet werden, zu der auch die flotte, von viel Musik - von Pop bis Klassik - unterlegte Inszenierung beitragen soll.


Der Umstand, dass Synchronschwimmen als weiblicher Sport gilt – ein Vorurteil, an das auch mit einem Ausschnitt aus einem der Wasserballette eines der Esther Williams-Filme wie „Bathing Beauty“ (1944) erinnert wird -, bietet Lellouche freilich auch Gelegenheit homophobes Verhalten zu kritisieren und die positive Kraft eines befreiten individuellen Agierens zu beschwören. Zur echten Freundestruppe werden diese Männer kaum, aber der Wunsch bei der Weltmeisterschaft in Norwegen zu reüssieren schweißt sie nicht nur zusammen, sondern das gemeinsame Ziel weckt auch ihre Lebensgeister.


Wie der Singhalese so sorgt auch der Wechsel der Trainerin für Witz. Als nämlich die sanfte Delphine, die während des Trainings ihrem Team Gedichte von Rilke vorliest, einen Rückfall in die Alkoholsucht erleidet, übernimmt Delphines frühere Schwimm-Partnerin Amanda, die seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, die Vorbereitung der Truppe.


Körperlich mag diese beeinträchtigt sein, zieht aber ganz andere Sitten auf, denn sie treibt auch mit der Peitsche die Männer zu Höchstleistungen an, kommandiert sie mit lauten militärischen Befehlen herum, lässt sie bis zum Umfallen joggen oder die Luft anhalten. Da wird dann auch spürbar, dass Sychnronschwimmen eben doch kein so leichter Sport ist, sondern dass auch hartes Training und körperliche Fitness nötig sind.


Geschickt rafft Lellouche auch immer wieder das Geschehen mit Montagesequenzen und vermittelt im Wechsel zwischen Szenen einzelner Protagonisten und dem gemeinsamen Training auch das Spannungsfeld von Individualität und Teamgeist, von dem „Ein Becken voller Männer“ letztlich auch erzählt.


Beim großen Wettkampf wird weniger mit der fulminanten Show als vielmehr mit den Formationen und den Körperhaltungen die Bedeutung der Gemeinschaft visualisiert, gleichzeitig bleiben aber diese Schwimmer nicht zuletzt dank der starken Besetzung, teilweise einprägsam und markant gezeichnete Individuen und werden danach wieder ihre eigenen Wege gehen.


Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems (Deutsche Fassung) und im Kinok in St. Gallen (franz. O.m.U.)


Trailer zu "Ein Becken voller Männer - Le grand bain"