• Walter Gasperi

Die perfekte Kandidatin

Aktualisiert: Juni 4


Weil eine junge Ärztin in Saudi-Arabien in Beruf und Gesellschaft ständig diskriminiert wird, kandidiert sie mit dem Ruf nach Veränderungen für den Gemeinderat. Rund und feinfühlig, aber auch sehr glatt erzählt Haifaa al-Mansour vom erwachenden weiblichen Selbstbewusstsein in Saudi-Arabien.


In ihrem Debüt „Das Mädchen Wadjda“, das gleichzeitig der erste saudi-arabische Film überhaupt war, erzählte Haifaa al-Mansour 2012 noch von einem Mädchen, das sich ein Fahrrad wünscht und darum kämpft, Radfahren zu dürfen. Ein Jahr später wurde dies Frauen schließlich offiziell erlaubt und als letztem Land weltweit wurde 2018 endlich auch in Saudi-Arabien Frauen zugestanden mit dem Auto fahren zu dürfen.


Ganz selbstverständlich lenkt so die junge Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) ihren Wagen über die durch Schlaglöcher und Schlamm schwer beeinträchtigte Zufahrtsstraße zur Klinik, in der sie arbeitet. Dass ihr Nikab dabei nur die Augenpartie freigibt, irritiert freilich etwas und auch in der Klinik wird sie diesen nicht abnehmen, sind hier doch auch Männer präsent. Nur wenn die Frauen unter sich sind, zeigen sie sich unverschleiert, scherzen und hören Musik.


Schon mehrfach hat sich Maryam bei den Behörden wegen des katastrophalen Zustands der Straße bei den Behörden beschwört, doch niemand reagiert darauf. In der Klinik wiederum muss sie erleben, dass ein alter Mann sich heftig dagegen wehrt, von ihr untersucht zu werden, da sie eine Frau ist.


Kein Wunder ist folglich, dass Maryam, die mit zwei Schwestern und ihrem als Musiker arbeitenden verwitweten Vater in einem großen Stadthaus lebt, sich um eine Stelle in einer Klinik in der Großstadt Riad bemüht. Ein Kongress in Dubai wäre die beste Gelegenheit sich dem zuständigen Arzt vorzustellen, doch am Flughafen wird ihr die Ausreise verweigert, da sie ohne männliche Begleitung reist und ihre Reisebewilligung abgelaufen ist.


Mehr durch Zufall als geplant wird sie zur Kandidatin für die Gemeinderatswahlen, entwickelt dabei aber rasch Elan, dreht mit ihren Schwestern ein you-tube-Video, wird in ein TV-Studio eingeladen und organisiert Wahlveranstaltungen, um auch die Stimmen von Männern zu gewinnen.


Rund und mit viel Feingefühl erzählt Haifaa al-Mansour diese Geschichte eines erwachenden weiblichen Selbstbewusstseins. Kameramann Patrick Orth sorgt für bestechende Bilder, gleichzeitig wirkt diese saudi-arabisch-deutsche Koproduktion durch die aufgeräumt-saubere Ästhetik, aber auch durch die drei allzu schönen jungen Protagonistinnen insgesamt doch etwas zu glatt, will Feelgood-Unterhaltung für ein breites Publikum bieten.


Andererseits muss man auch sehen, dass gerade durch diese Konsumierbarkeit ein breites Publikum erreicht und auf diesen Kampf um Gleichberechtigung aufmerksam gemacht werden kann. Wirklich polemisch wird diese sanfte Komödie, die auch durch den genauen Blick auf die saudi-arabischen Verhältnisse besticht nie, fördert aber mit seiner positiven und trotz Rückschlägen optimistischen Grundhaltung das Selbstbewusstsein der saudi-arabischen Frauen. Das liegt freilich auch an der ebenso sympathischen wie starken Hauptdarstellerin Mila Al Zahrani, der man ihr Engagement jederzeit glaubt.


Die gesellschaftliche Ebene verknüpft al-Mansour mit einer privaten, wenn die Töchter ebenso wie der Vater unter dem Tod der Mutter, die Hochzeitssängerin war, leidet und dem Wahlkampf Maryams in Parallelmontage eine Tournee des Vaters mit seiner Band gegenübergestellt wird, deren Auftritte immer wieder durch kulturfeindliche Extremisten bedroht sind.


Etwas überladen wird „Die perfekte Kandidatin“ damit, erinnert durch diese Nebenhandlungen aber auch an die reiche Kultur dieses Landes und lässt schließlich auch Maryam sich dieser erinnern, wenn sie bei einer Hochzeit das Lieblingslied ihrer Mutter singt. So erzählt diese Komödie auch davon, dass eine positive Zukunft Saudi-Arabiens nur in der Verbindung dieser Traditionen einerseits und einem gesellschaftlichen Wandel andererseits liegen kann und macht in seinem sanften und warmherzigen Erzählton Hoffnung, dass dieser Spagat gelingen kann.

Kinok St. Gallen und Skino Schaan: ab Sa 6.6. LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 10.6., 19 Uhr

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 29.7., 18 Uhr + Do 30.7., 19.30 Uhr


Trailer zu "Die perfekte Kandidatin"