• Walter Gasperi

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden


Leichthändig verknüpft Aritz Moreno in seinem Debüt ebenso einfallsreiche wie schräge Geschichten. Im Kern geht es bei diesen Trouvaillen, die auch große Lust am Ekligen kennzeichnet, dabei ums Erzählen und die Macht von Geschichten an sich.


Schon vorher hätte man es wissen können, erst spät kommt aber die dezidierte Warnung, dass man einem Mitreisenden in einem Zug, der Geschichten erzählt, nicht alles glauben sollte. Seriosität vermittelt ein allwissender und unsichtbar bleibender Off-Erzähler, der in die Handlung einführt und die Verlegerin Helga (Pilar Castro) vorstellt, die am Tag zuvor ihren Mann in eine psychiatrische Klinik einliefern ließ.


Bei der Rückfahrt nach Madrid spricht sie im Zug ein Mitreisender (Ernesto Alterio) an, der sich als Psychiater Angel Sanagustin vorstellt. Er überschüttet sie mit seinem Redefluss und beginnt ihr die groteske Geschichte eines Patienten (Luis Tosar) zu erzählen, der an Paranoia litt. Es bleibt dabei aber nicht bei dieser Rückblende, sondern innerhalb der Rückblende werden mindestens noch zwei Rückblenden und zwei Erzähler eingebettet. Nicht nur bis in den Kosovo-Krieg führen die Erzählungen dabei zurück, sondern thematisieren auch Kinderhandel und die Verschwörungstheorie eines Müllmanns.


Auf der Hut sollte der Zuschauer bei dieser unbändigen Fabulierfreude aber sein, denn immer wieder erweisen sich die Erzähler als höchst unzuverlässig. Abrupt verabschiedet sich auch der Psychiater aus dem Zug, womit ein zweites Kapitel einsetzt, in dessen Mittelpunkt nun Helga steht.


Wenn sie als Verlegerin, für die Autor, Erzähler und Figuren immer wieder verschwimmen, vorgestellt wird, verweist Aritz Morenos Adaption eines Romans von Antonio Orejudo gleichzeitig auf das zentrale Motiv seines Films. Auch sein Debüt ist ein lustvolles Spiel mit – wie er das zweite Kapitel überschreibt – Personen und Erzählsituationen und feiert die Macht von Fiktionen. Die Geschichte Helgas, in deren Mittelpunkt nach der Paranoia im ersten Kapitel nun tiefe menschliche Abgründe mit Obsessionen und Abhängigkeit stehen, mündet dabei schließlich in die Ausgangssituation.


Voll Einfallsreichtum ist das erzählt, unterhält mit zahlreichen Wendungen und wechselt bald zwischen düsterem Thriller und schwarzer Komödie. Ein Faible Morenos für Drastisches und Ekliges ist dabei freilich nicht zu übersehen, wenn es um den Gestank von Müllbergen geht, auch Exkremente, Hundenahrung oder ein menschliches Gehirn serviert und gegessen werden oder auch mal kräftig Blut spritzt.


So originell "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" aber auch ist, die anarchische Sprengkraft, die die surrealistischen Filme Luis Buñuels auszeichnete, mit dem dieses Debüt vielfach verglichen wird, fehlt doch. Da will doch vor allem einer beweisen, wie sehr er vor Einfallsreichtum sprüht, wie temporeich er zu erzählen und stets einen neuen Einfall hervorzuzaubern vermag.


Substanz lässt sich dabei aber letztlich doch wenig feststellen und eher notdürftig als zwingend werden die einzelnen Geschichten, von denen sich zumindest eine schließlich als pure Erfindung des Erzählers entpuppt, zusammengezurrt. – Dem Vergnügen, das dieser Film bereitet, tut dies kaum einen Abbruch, wohl aber der Nachhaltigkeit, denn rasch verpufft die Wirkung dieser lustvollen Groteske.

Läuft derzeit in den österreichischen und Schweizer Kinos. - Am 9. und 10. September im FKC Dornbirn / Cinema Dornbirn, am 16.9. im Filmforum Bregenz / Metrokino Bregenz und vom 30.9. bis 2.10. im TaSKino Feldkirch / Kino Rio.


Trailer zu "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden"