• Walter Gasperi

Die Büchse der Pandora


Nach Frank Wedekinds Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ erzählt Georg Wilhelm Pabst die Geschichte der verführerischen Lulu. Das Ereignis des 1929 gedrehten Stummfilms, der bei Atlas Film in einem Mediabook auf DVD und Blu-ray erschienen ist, ist die Hauptdarstellerin Louise Brooks.


Nach der griechischen Mythologie schickte Zeus als erste Frau Pandora auf die Erde, um sich für den Diebstahl des Feuers durch Prometheus zu rächen. Diese Pandora hatte eine Büchse bei sich, in der alle Übel eingesperrt waren. Als Pandora diese Büchse öffnete, verbreiteten sich Krankheit und Leid auf der Erde, nur die Hoffnung blieb in der Büchse zurück.


Die Pandora von Wedekinds Stücken und Georg Wilhelm Pabsts Film ist die verführerische Lulu (Louise Brooks), die den Männern das Verderben bringt. Pabst zeichnet das Revue-Girl aber nicht als männerverschlingenden Vamp, sondern als zwar verführerisch, aber als kindlich naiv. Großartig wird sie von der Amerikanerin Louise Brooks gespielt, meisterhaft bringen Pabst und Kameramann Günther Krampf in Großaufnahmen, die Brooks´ Gesicht durch kunstvolle Ausleuchtung eine besondere Aura verleihen, ihr Lächeln und ihre Blicke zur Geltung.


Lulu hat eine Affäre mit dem wohlhabenden Zeitungsherausgeber Dr. Schön (Fritz Kortner), doch dieser sieht keine Zukunft in der Beziehung und möchte standesgemäß heiraten. Kurz vor der Hochzeit verfällt er wieder Lulu und heiratet sie, doch schon in der Hochzeitsnacht kommt es zu einem schweren Konflikt, in dessen Verlauf Dr. Schön erschossen wird. Lulu wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kann aber mit ihrem Stiefsohn Alwa und ihrem angeblichen Vater entkommen.


Das Trio landet auf einem Schiff, auf dem Alwa das Vermögen beim Glücksspiel verliert, Lulu sich prostituiert, um die Spielsucht Alwas zu finanzieren. Auch von dort muss das Trio flüchten und kommt schließlich nach London, wo Lulu als Freier Jack the Ripper in ihre kleine Dachwohnung holt.


Mit flüssiger Montage, bestechendem Wechsel zwischen Großaufnahmen und Totalen, die die Handlung in einem sozialen Raum verankern, erzählt Pabst diese Geschichte eines sozialen Abstiegs und der Verführungskraft einer Frau. Wie Lulu aber im Grunde nichts Böses will, so zeichnet Pabst auch ein ungewöhnliches Bild von Jack the Ripper. Das ist hier kein brutaler Mörder, sondern ein sanfter Mann, der kein Verbrechen begehen möchte, sondern vielmehr – ähnlich wie nur zwei Jahre später Peter Lorre in Fritz Langs „M“ – von inneren Dämonen dazu getrieben wird. Ungewöhnlich und gewagt für die damalige Zeit war aber auch, dass Lulu nicht nur Beziehungen zu Männern hat, sondern auch eine lesbische Beziehung zu einer Gräfin.


Wenig Beachtung fand dieser Stummfilm bei seiner Uraufführung und geriet, als wenige Monate später der Tonfilm seinen Siegeszug antrat, rasch in Vergessenheit. Erst 1952 wurde in Paris aus den erhaltenen Fragmenten eine neue Fassung erstellt und die ebenfalls vergessene Louise Brooks wurde zu einer triumphalen Retrospektive in die französische Hauptstadt geholt.


1997 wurde „Die Büchse der Pandora“ im Rahmen einer Pabst gewidmeten Retrospektive der Berlinale in Deutschland entdeckt, doch die Kopie wies Unschärfen und starke Verschrammungen auf. Erst die Unterstützung amerikanischer Sponsoren, darunter vor allem „Playboy“-Gründer und Chefredakteur Hugh Hefner ermöglichte in den 2000er Jahren eine digitale Restaurierung.


So präsentiert sich dieses Meisterwerk, das bei Atlas Film in einem Mediabook auf DVD und Blu-ray erschienen ist, nun in für das Alter sehr guter Bildqualität, die die Verführungskraft Lulus ebenso eindrücklich vermittelt wie im Wechsel der Schauplätze von der vornehmen Wohnung über den Spielsalon auf dem Schiff bis zur engen Dachwohnung im nebeligen London atmosphärisch dicht den sozialen Abstieg.


An Extras gibt es neben einem Booklet mit Texten zur Restaurierung des Films, zum Leben von Louise Brooks, zeitgenössischen Rezensionen und einer Kritik zur Wiederaufführung 1997 ein ausführliches Interview mit G. W. Pabsts Sohn Michael, in dem er über seine Beziehung zu seinem Vater ebenso wie über dessen filmisches Schaffen spricht.


Trailer zu "Die Büchse der Pandora"